Kairi Look. „Peter, für meine Freunde Peterle”

Textauszüge

[S. 23 – 33]

Kommentar d. Übers.: Für die Kindergartenkinder herrscht Mittagsruhe, während die Erzieher im Nebenraum ihre Besprechung abhalten. Die Kinder, die vor der Zeit wach werden, sind angehalten, leise zu sein. Vier Kinder sind wach geblieben und halten ihre eigene Beratung ab …

„Erzähl lieber was vom Geheimnis!”, verlangte Kristjan.

Peter nickte und beugte sich näher zu den anderen. „Aber dass mir das unter uns Vieren bleibt!”, flüsterte er eindringlich und griff zum Hörer. „Ihr müsst nämlich wissen, das hier ist nicht einfach ein Telefonhörer!”

Kristjan guckte finster. „Mann, das hast du schon mal gesagt”, maulte er. „Jetzt komm auf den Punkt! Was machst du mit dem Hörer?”

Peter warf Kristjan einen blitzschnellen Blick zu. „Mit diesem Hörer – habe ich – letzte Woche – den heißen Draht – zu den Weihnachtswichteln hergestellt!”, ließ er die Katze aus dem Sack.

Schweigen breitete sich aus, den Kindern hatte es den Atem verschlagen. „Mit richtigen, lebendigen Wichtelmännchen?”, fragte Mia schließlich.

„Mit richtigen, lebendigen Wichtelmännchen!”, bestätigte Peter.

„Glaub ich nicht!” Markus schüttelte den Kopf. „Kein einziges Kind hat jemals mit Wichtelmännern gesprochen!”

Peter lächelte schlau. „Stimmt! Aber nur bis zum letzten Wochenende!”

„Was ist denn am Wochenende passiert?”, fragte Kristjan neugierig.

„Am Wochenende haben wir den Kontakt aufgenommen”, sagte Peter. „Und seitdem haben wir jeden Tag gesprochen.”

Kristjan bekam große Augen. „Echt? Gesprochen? Mit den Weihnachtswichteln?”, stieß er hervor. „Und wie geht das?”

„Na mit dem hier”, erklärte Peter und wies auf die beiden Enden des Hörers. „Hier spreche ich rein, und wenn die Wichtel antworten, dann höre ich sie da.”

Markus war immer noch misstrauisch. „So einfach soll das sein? Worüber redet ihr denn den ganzen Tag?”

Peter verdrehte die Augen. „Jetzt mach mal halblang! Das sind Wichtelmänner! Mit denen hat man immer was zu reden! Gestern zum Beispiel haben sie mir das Rezept durchgesagt, wie man aus Schnee Bananeneis macht. Und heute früh haben sie die Meldung durchgegeben, dass die Rentiere vom Weihnachtsmann Husten haben. Jetzt müssen sie jeden Abend vor dem Schlafengehen einen Eimer voll Hustensirup trinken.” Peter holte tief Luft und beugte sich näher zu Markus heran: „Und noch eins haben sie gesagt. Nämlich, dass sie zu den Kindern, die immer nur fragen, fragen und fragen, als Letztes gehen. Nur, wenn noch Zeit übrig ist.”

Markus sah Peter erschrocken an und hielt auf der Stelle den Mund.

„Über euch haben wir auch schon gesprochen”, berichtete Peter. „Die Wichtel haben gesagt, dass sie ganz deutlich gesehen haben, wie ihr am ersten Dezember abends eure Hausschuhe aufs Fensterbrett gestellt habt. Mia hatte die kleinsten.”

Die Kinder sahen sich an. „Ja, stimmt, das hab ich … und Kristjan auch”, flüsterte Mia. Markus drehte am Knopf seiner Schlafanzugjacke. Auch er hatte vor zwei Wochen seine abgewetzten grünen Hausschuhe zum ersten Mal in dieser Vorweihnachtszeit aufs Fensterbrett gestellt.

Peter fuhr fort: „Die Wichtel sind ja weit gereist und wissen, wie es in anderen Ländern zugeht. In Deutschland zum Beispiel haben es die Kinder nicht so gut wie ihr, sie können ihre Schuhe nicht jeden Abend rausstellen, sondern nur einmal, und zwar zum Nikolaustag. Am Vorabend zum sechsten Dezember stellen sie ihre geputzten Winterstiefel vor die Tür, und in der Nacht kommt der Nikolaus und füllt sie mit Süßigkeiten.”

„Aber nun zu uns. Wie gesagt, auf mich können die Wichtel bauen”, versicherte Peter, „und darum haben sie mich zu ihrem Oberhaupt ernannt.”

„Ober-haupt? Das heißt … du bist der Häuptling der Weihnachtswichtel?” Mia schnappte nach Luft.

Markus saß da, hielt den Kopf gesenkt und murmelte: „Wichtel haben überhaupt keinen Häuptling. Höchstens der Weihnachtsmann könnte ihr Häuptling sein, aber der zählt nicht, denn der ist ja der Weihnachtsmann.”

„Ha-ha-ha!”, machte Peter. „Ihr seid nicht auf dem Laufenden – das gilt erst seit gestern!” Er breitete die Arme aus: „Darf ich vorstellen – Peter, der Allwissende! Der mit den Wichtelmännern spricht! Wenn ihr sie etwas fragen wollt, dann könnt ihr das über mich tun.”

Mia wickelte sich eine Haarsträhne um den Finger. „Und wie soll das gehen?” Sie verstand nicht recht.

„Na ganz einfach, wie man eben fragt”, erklärte Peter. „Ihr gebt mir eure Fragen, und dann frage ich die Wichtel, was sie dazu meinen. Ihr habt wirklich Glück, dass ich ausgerechnet in eure Gruppe gekommen bin!” Der Junge klopfte auf den Hörer.

„Ich würde ja zu gerne mit den Wichtelmännchen sprechen …”, flüsterte Mia.

„Ich auch …”, meldete sich Kristjan. „Ich hätte so viele Fragen. Mama und Papa haben nämlich von Wichteln überhaupt keinen Schimmer!”

Peterle rieb auf dem Hörer herum und feixte. „Das kriegen wir hin! Eine Frage kostet einen Schokobonbon. Oder zwei Fruchtbonbons, gefüllte natürlich. Oder drei Kaubonbons, Kaugummi geht auch.”

„Nur einen Bonbon? Im Anorak habe ich welche, gerade heute früh eingesteckt”, freute sich Mia.

„Na siehst du”, freute sich auch Peter, „dann kannst du den Wichteln gleich deine Frage stellen.”

Mia holte tief Luft und flüsterte: „Ich würde gern wissen, ob …”

„Erst den Bonbon.” Peter war unnachgiebig.

„Ich hole ihn nachher”, versprach Mia. „In der Mittagsruhe kann ich doch nicht raus auf den Flur gehen.”

„Nachher, nachher…”, äffte Peter. „Wichtel warten nicht! N a c h h e r ist zu spät.”

„Ich … ich weiß nicht, soll ich …?” Mia lugte zur Tür. „Ich kann es ja probieren. Vielleicht merken es die Erzieher nicht …” Vorsichtig verließ sie das Bett, schlich auf Zehenspitzen zur Tür und schlüpfte hinaus.

„Seht ihr, das ist Mut”, sagte Peter anerkennend. „Und was ist mit euch? Mit Weihnachtswichteln reden – wollt ihr, wollt ihr nicht?”

„Wir wollen!” gab Kristjan zu verstehen.

„Ich habe keine Bonbons”, murmelte Markus. „Montag hat mir Papa eine Schokonuss gegeben, aber die hab ich schon gegessen.”

Peter verdrehte die Augen. „Du kriegst den Kanal auch nicht voll, was?”, schimpfte er. „Kaum hat die Woche angefangen, da sind bei dir schon die Süßigkeiten alle! Wie denkst du dir denn das?”

„Kann ich vielleicht wissen, dass du gerade heute den Kontakt mit den Wichteln machst?”, gab Markus beleidigt zurück. „Ich bringe dir nächste Woche welche mit.”

„Ab Montag steigen aber die Preise”, bemerkte Peter. „Eine Frage – zwei Schokobonbons. Vier gefüllte Frucht. Sechs Kaugummi.”

„Was? Sechs Kaugummi?”, entfuhr es Markus. „Das ist doch ein halbes Päckchen!”

„Dann such dir doch selber einen Hörer, mit dem du mit den Wichteln reden kannst”, meinte Peter ungerührt und strich über den Hörer. Markus verstummte.

Einen Moment später kam Mia zurück ins Zimmer geschlüpft. Sie lief zu den Jungen, angelte zwei Schokobonbons aus ihrer Schlafanzugtasche und legte sie vor Peter aufs Bett. „Zwei Fragen bitte”, sagte sie stolz.

Peter nickte. „Schieß los.”

Mia kletterte aufs Bett, kniete sich hin und sprach: „Bitte frag die Wichtelmännchen, warum sie der Laura von nebenan ein großes gelbes Mädchenfahrrad gebracht haben, so eins mit Korb und Gepäckträger, und mir nur ein kleines grünes. Und dann möchte ich noch wissen, wie sie das machen, dass sie aufs Fensterbrett kommen, aber man gar keine Tapsen im Schnee sieht.”

Peter verstaute die Bonbons in seinem Rucksack. „Das haben wir gleich.” Er ergriff den Hörer, murmelte etwas in einer unverständlichen Sprache in die Sprechmuschel, horchte, nickte und bedeckte sie dann mit der Hand. „Wie heißt Laura mit Familiennamen?”, fragte er.

„Mets. Laura Mets”, sagte Mia.

Peter nickte und sagte noch etwas in der unbekannten Sprache in den Hörer.

Kristjan stieß Markus an und flüsterte: „Was redet der da?”

Markus lauschte und schüttelte den Kopf: „Kein Wort, ich verstehe kein Wort.”

Peterle drehte sich um und bedeckte den Hörer mit der Hand. „Wichtelsprache!”, sagte er nur und drehte sich wieder um.

„Wichtelsprache, wow!” Die Kinder staunten.

Peter horchte noch ein Weilchen in den Hörer und legte ihn dann aufs Bett. „Also. Laura hat das gelbe Fahrrad bekommen, weil sie das ganze Jahr über ihr Zimmer aufgeräumt hat, jeden Tag. Die Wichtel hatten ein Auge drauf, haben jeden Abend nachgesehen.”

„Aufgeräumt – wirklich, jeden Tag?” Mia schluckte.

Peter nickte. „Die Wichtel haben gesagt, dass sie faulen Kindern keine großen gelben Fahrräder bringen. Für die Faulen sind die kleinen grünen.” Peter seufzte und zuckte die Schultern. „Die Weihnachtswichtel notieren sich alles ganz genau. Vor zwei Jahren hat Laura auch ein kleines grünes bekommen, aber, du siehst, da hat sich was geändert.”

Mia sank beinahe in sich zusammen, doch Peter ließ sich nicht stören. „Und Tapsen hinterlassen sie nicht, weil sie sich vom Stockwerk drüber an einer Schnur herunterlassen!” setzte er hinzu.

„An einer Schnur!” Kristjan war fassungslos.

Aber Markus beäugte Peter misstrauisch. „Und was ist, wenn es kein Stockwerk drüber gibt?”

„Drüber gibt, drüber gibt …!”, echote Peter. „Du kannst Fragen stellen! Wenn es keins gibt, dann gibt es eben keins!” Er sah Markus durchdringend an. „Wohnst du denn in einem oberen Stockwerk?”

Markus schlug die Augen nieder und schüttelte den Kopf.

„Na also”, schloss Peter. „Dann rede nicht über Sachen, von denen du keine Ahnung hast. Und jetzt her mit dem Bonbon!”

„Was für ein Bonbon?”, fragte Markus erstaunt.

„Für die Frage natürlich”, antwortete Peter. „Über das Stockwerk drüber.”

„Das ist gemein!” Markus war empört. „Das war gar keine echte Frage!”

Peter sprang aufs Bett und zog den Reißverschluss des Rucksacks mit einem ratsch zu. „Mit euch spiele ich nicht mehr”, teilte er den Kindern mit und verließ das Bett. „Markus schummelt.”

„Peter, warte …”, rief Mia. „Nun sei doch nicht so! Du kannst Markus’ Bonbon von mir kriegen.”

Sie stocherte in ihrer Jackentasche und ließ Peter einen Bonbon in die Hand fallen.

Peterle studierte das Bonbonpapier. „Das ist ein lumpiger Hustenbonbon”, erklärte er. „Davon noch zwei!” Mia seufzte und fischte zwei weitere aus der Tasche.

 

[S. 37 – 46]

Kommentar d. Übers.: Die Kinder stellen noch weitere Fragen, und Peter schwelgt in seiner Bonbonsammlung. Markus führt ein trauriges Selbstgespräch, dem Peter entnimmt, dass es dem Jungen und seinem Vater finanziell gar nicht gut geht. Er beschließt, in seinen Bonbon-Geschäften mehr Gerechtigkeit walten zu lassen. Es hat sich mittlerweile in der gesamten Gruppe herumgesprochen, dass Peter einen Draht zu den Wichteln hat, und nun herrscht gespannte Erwartung. Da das Ganze streng geheim ist, dürfen die Erzieher nichts merken. Erzieher Sander wundert sich über die ungewöhnlich stillen Kinder … aber er irrt sich.

Peterle saß im Schneidersitz auf dem Erziehertisch, und vor ihm drängten sich die Kinder, mit strahlenden Gesichtern und zappelnd vor Aufregung. Alle Augen waren auf ihn gerichtet – ihren neuen Freund Peterle.

„Jetzt stellt euch erstmal ordentlich an!”, rief der und schwenkte den Telefonhörer über dem Kopf. „Aufgepasst! Diese Woche gilt – nur drei Bonbons für jede Frage! Und nur sechs für das Weitersagen von Wünschen. Und dann natürlich das persönliche Gespräch mit einem Weihnachtswichtel – zehn Bonbons pro Minute. Das sind doch Schnäppchenpreise, oder? Stellt euch an! Stellt euch an!” In gewissen Abständen beugte sich Peterle weit vor und studierte die Lage unter dem Tisch. Dort stand neben dem Papierkorb ein großer altmodischer Koffer, bereits stattlich gefüllt mit Bonbons.

Nun wand sich vor dem Erziehertisch eine lange Schlange. Mia stand an der Spitze, trat energisch vor Peterle hin und ließ drei Bonbons hintereinander in den Koffer fallen. „Ich habe eine Frage an den Wichtelmann, der Laura das gelbe Fahrrad gebracht hat”, verkündete sie.

„Ihr habt Wünsche!” seufzte Peterle. „Vorgestern hat sich Rasmus einen kleinen Bruder gewünscht, aber bitteschön nicht zu klein und nicht zu groß, Hauptsache er verliert immer beim Zirkusspielen. Sofia wollte ihren Papa heiraten, und Kristjan fragte nach einer fliegenden Katze, die ihm vom Bäcker Schweineohren holt … und nun kommst du, und willst keinen anderen als den Laura-Wichtel sprechen!” Peterle seufzte noch einmal und breitete die Hände aus. „Aber gut, für eine kleine Extra-Abgabe geht es vielleicht.”

Mia ließ einen Fruchtbonbon in den Koffer fallen. „Reicht der?”

„Doch, das sieht gut aus”, meinte Peterle. „Und was willst du vom Laura- Wichtel wissen?”

„Ich möchte wissen, wie oft man sein Zimmer aufräumen muss, damit man ein gelbes Fahrrad bekommt”, brachte Mia vor. „Und ob das auch für unterm Bett gilt”, fügte sie nach einer kleinen Denkpause hinzu.

„Das kriegen wir raus!” Peterle rieb sich die Hände. Er murmelte etwas in den Hörer, horchte, murmelte noch einmal und legte den Hörer schließlich beiseite.

„Na?” Mia war ungeduldig. „Was hat er gesagt?”

„Lauras Wichtelmann hat gesagt, aufräumen ist jeden Tag. Unter dem Bett saubermachen – einmal die Woche. Warte …” Peterle legte den Hörer noch einmal ans Ohr und horchte. „Und die Spielsachen müssen auch jeden Abend eingesammelt werden”, fügte er hinzu. „In deinem Zimmer sowieso, aber auch im Wohnzimmer, und da sogar dann, wenn die Eltern gar nichts sagen. Das nennt man „Eltern überraschen”. So etwas mögen die Weihnachtswichtel ganz besonders. Da rückt auch das gelbe Fahrrad gleich ein Stück näher.”

Mia seufzte. „Ein ganzes Jahr aufräumen, wirklich jeden Tag?”

„Je öfter, desto besser”, antwortete Peterle. „Die Wichtel meinen, je mehr man trainiert, desto besser geht es, das heißt, mit dem Aufräumen ist es genauso, wie mit dem Fahren auf dem gelben Rad.”

„Frag mal das mit den Ohren”, raunte Kristjan Mia von hinten zu.

„Ach ja, richtig …”, nickte Mia. „Sag, Peterle, wie ist es mit dem Ohrenwackeln?”

„Wie – Ohrenwackeln?” Peterle verstand nicht recht.

„Na mit dem ganz einfachen Ohrenwackeln”, erklärte Mia. „Mein Papa sagt immer, dass der Weihnachtsmann die, die mit den Ohren wackeln können, am liebsten hat. Dass die besonders schöne Geschenke bekommen.”

Peterle runzelte die Stirn und gab die Frage weiter. Jetzt hatte der Hörer zu tun! Nach einer ganzen Weile kam die Antwort. „Nein, das mit den Ohren stimmt nicht. Waschen reicht.”

„Nur innen drin, oder außen auch?”, fragte Kristjan.

Peterle befragte den Hörer. „Sowohl als auch”, teilte er mit. „Und mit Seife. Die Wichtel sagen, man hört hinterher besser.”

„Stimmt nicht!”, rief Kristjan dazwischen. „Mein Papa wäscht sich jede Woche die Ohren, aber hört nie, wenn ich ihn um eine Gutenachtgeschichte bitte!”

„Na das kennen wir. Die Erwachsenen muss man meist ein paarmal bitten”, meinte Peterle. „Das kommt daher, dass die Erwachsenen ihre Ohren schon so sehr abgenutzt haben. Am besten hören sie, wenn man sich auf ihren Schoß setzt und mit ihnen kuschelt.”

Kristjan atmete auf. „Also ist es dem Weihnachtsmann schnurzpiepegal, ob man mit den Ohren wackeln kann oder nicht?”

„Schnurz und piep!”, bestätigte Peterle. „Weiter geht’s – wer ist der Nächste?”

Markus trat vor. Er hockte sich hin, um seine Bonbons in den Koffer zu legen, aber Peterle machte eine plötzliche Bewegung, so dass der Koffer unter dem Tisch ein ganzes Stück in Richtung Wand wanderte. Markus zuckte zusammen und richtete sich auf, die Bonbons immer noch in der Hand.

„Was ist, bist du jetzt zu Stein erstarrt”, meinte Petele. „Deine Frage!”

Markus wand sich und stand lange, bange Sekunden stumm da, bis er endlich, die Nase nach unten, leise sagte: „Zu mir wollen die Wichtelmänner gar nicht kommen. Früher waren sie so oft da, aber dieses Jahr …” Er bohrte ein Weilchen mit der Pantoffelspitze im Teppich und sah dann Peterle fest in die Augen. „Ich will wissen, warum.”

Im Raum wurde es mäuschenstill.

„Wie –? Sie kommen gar nicht mehr?”, fragte Peterle schließlich.

„Nur ganz selten”, seufzte Markus. „Ich habe meinen Hausschuh am ersten Dezember aufs Fensterbrett gestellt, aber die ganze erste Woche war er morgens leer. Dann habe ich Angst bekommen … ich dachte, dass der Wichtelmann vielleicht krank geworden oder gestorben ist und habe Papa gefragt, was nun wird.”

Die Kinder hörten Markus aufmerksam zu.

„Und – was ist geworden?”, fragte Peterle.

„Naja, seitdem war manchmal ein Apfel drin oder eine Mandarine und ein paarmal ein kleines Rätsel, das ich dann zusammen mit Papa gelöst habe …”, berichtete Markus. „Aber Schokolade und Spielsachen, wie die anderen Kinder – sowas habe ich nie bekommen.” Er steckte die Hände in die Hosentaschen und schniefte unglücklich.

Peterle sah Markus lange mit gerunzelten Augenbrauen an und griff erneut nach dem Hörer. Er murmelte, horchte, murmelte und bedeckte schließlich die Sprechmuschel mit der Hand. „Sag, waren es richtig große Äpfel?”

„Ganz große, ja”, Markus nickte. „Einmal war ein tiefdunkelroter dabei, der hatte sogar einen Zettel dran.”

Peterle sprach in den Hörer, nickte, legte ihn mit einem entschlossenen Plauz auf den Tisch, sprang auf den Fußboden und baute sich vor Markus auf. „Du wirst es nicht glauben! Weißt du, was die Weihnachtswichtel sagen? Ich sag’s dir: Du hast es w a h n s i n n i g gut!”

„Wer – ich? Gut?” Markus verstand die Welt nicht mehr. „Aber … aber ich habe doch überhaupt keine Bonbons und keine Schokolade bekommen!”

„Das ist es ja!”, rief Peterle. „Die Wichtel sagen, dass Äpfel nur für die Besten sind! Überleg doch mal, was das für eine Schufterei ist, einen ganzen großen Apfel hoch aufs Dach zu schleppen und dann mit der Schnur hinunter in den Hausschuh zu bugsieren – das ist doch unglaublich! Wie viele Stockwerke hat denn das Haus, in dem du wohnst?”

„Drei”, sagte Markus und wurde rot.

„Na dann ist doch alles klar!” Peterle war hoch erfreut. „Markus, du bist der Favorit vom Weihnachtsmann und den Wichtelmännern! Mmmm … die Ohren wäscht du dir doch, oder?”

„Jeden Sonnabend, Papa auch”, murmelte Markus.

„Na bitte!” Peterle nickte. „Die Wichtel haben gesehen, dass du echt in Ordnung bist und legen sich für dich ins Zeug. Also Markus, noch einmal: Du hast es wirklich am besten getroffen!”

„Na ja … wenn du es sagst …”, murmelte der Junge verlegen. Immer mehr Kinder drängten sich jetzt um Markus, der auf einmal ganz rote Ohren hatte und sich vor Fragen kaum retten konnte.

„Wie viele Äpfel hast du denn bekommen?” Sofia zupfte Markus am Hemd.

„Und Mandarinen, wie viele?”, fragte Kristjan.

„Waren das schwere Rätsel?”, wollte Mia wissen. „Kristjan und mir haben sie noch kein einziges gebracht, immer nur Bonbons und Spielzeug …”

Markus nickte und bemühte sich, die vielen Fragen der Reihe nach zu beantworten. In der Gruppe ging es immer turbulenter zu, das Stimmengewirr schwoll bedenklich an. Zum Schluss war der Lärm so groß, dass Erzieher Sander aus dem Nebenraum gelaufen kam: „Was ist denn hier los! Was gibt es denn so laut zu besprechen? Sonst ging es doch immer ruhig zu bei euch!” rief der Erzieher in den Raum und schloss die Tür hinter sich. „Ist etwas passiert? Euer Geschrei hört man ja bis draußen! Wir hatten doch abgemacht, dass ihr ganz still spielt, bis ich wieder da bin. Bei dem Krach können wir unsere Erzieherbesprechung doch gar nicht abhalten …”

„Wir machen gar keinen Krach, wir reden über die Weihnachtswichtel!”, rief Mia beleidigt.

„Ach so, über die Weihnachtswichtel, ja dann – !” Sander schmunzelte und hockte sich in die Mitte der Kinder. „Stimmt, bis Weihnachten sind es ja nur noch ein paar Tage. Ich hoffe, ihr seid brav gewesen. Wer Bonbons in seinem Hausschuh finden möchte, der …”

„Wir wollen gar keine Bonbons!”, rief Kristjan. „Wir wollen Äpfel und Mandarinen!”

„Peterle hat gesagt, dass es für die Wichtel am schwersten ist, Äpfel zu bringen, denn die müssen sie erst aufs Dach schleppen und dann an der der Schnur herunterlassen”, erklärte Mia dem Erzieher.

„Mir haben sie schon viele gebracht!”, Markus grinste breit.

„Ihr habt recht, Äpfel sind wirklich besser”, musste Sander eingestehen, aber dann sah er sich fragend um. „Mmm … was für ein Peterle?”

„Na der Neue! Peter, für seine Freunde Peterle!”, rief Markus. „Hier ist er doch!” Der Junge drehte sich um und wies in Richtung Tisch, aber erstarrte mitten in der Bewegung. Leer! Der Tisch war wie leergefegt! Sogar die zerknüllten Bonbonpapiere waren weg.

 

Aus dem Estnischen von Irja Grönholm