Kairi Look. „Die Flughafenwanzen geben nicht auf”

Textauszüge

[S. 11 – 12]

Wie ich geboren wurde

Wir sind daran gewöhnt, dass alle anderen einen Schreck kriegen. „Ach du heiliger Strohsack! Guck doch mal, wie viele das sind!“

Klar sind wir viele, schließlich sind wir Wanzen! Und viele zu sein, das ist bei Wanzen üblich. Mein Großvater meint zwar, dass es damals, im blühenden Mittelalter, weit mehr von uns gegeben habe, aber das nehme ich ihm nicht ab. Kaum aus dem Ei gekrochen, war mir schon klar, dass ich mir um so etwas wie Einsamkeit auf dieser Welt keine Sorgen zu machen brauchte. Es wimmelte von Verwandten! Die meisten hatten nicht einmal gemerkt, dass ich die Großtat vollbracht hatte, auf die Welt zu kommen. Ich rollte die Eierschalen beiseite und räkelte mich wohlig. Sich im Ei zu entwickeln, ist nämlich nicht lustig. Platz ist da wenig.

Ich heiße Willi und bin eine Wanze. Ich bin erst ein paar Tage alt, aber pfiffig. Das mit der Pfiffigkeit hat Onkel Anton festgestellt, der schon lange mittelalt ist und den Lauf der Welt kennt. Ich schaukelte noch auf der Eierschale, als er zur Stelle war und rief: „Brüder! Noch ein Söhnchen! Guckt mal, was für ein pfiffiges Wänzlein!“

Damit war die Sache besiegelt.

Aber Onkel Anton ist ja auch pfiffig. Jedes Mal, wenn er ein Kreuzworträtsel gelöst hat, haut er sich auf die Schuler und ruft: „Ay, caramba! Bin ich nicht eine pfiffige Pfanze?!“ Er sagt nicht „Wanze, sondern „Pfanze, und außerdem ist das keine richtige Frage, denn Onkel Anton weiß ganz genau, dass er mit der pfiffigen Pfanze sich selber meint. Trotzdem tritt dann immer einer von den Verwandten auf ihn zu und haut ihm auch nochmal auf die Schulter. Das ist bei uns so üblich. Wir sorgen füreinander, hauen uns auf die Schulter und fallen uns um den Hals. Wenn einer Geburtstag hat, dann singen wir ihm ein Lied und essen Kuchen. Genau wie die Menschen. Aber wir sind Wanzen.

 

[S. 22]

Eine geheimnisvolle Kiste trifft ein

Zwar meinen die Menschen, Flughäfen seien seelenlose, öde Orte, aber wir Wanzen im Gepäckraum führen ein höchst angenehmes Leben. Morgens bleiben wir meist lange im Bett, auch vormittags ist nicht viel los. Dann erzählt uns Großvater Johannes Wanzenmärchen, aber es kommt auch vor, dass Vello uns Fechten mit Fichtennadeln beibringt.

Unsere beste Zeit beginnt am späten Nachmittag, wenn das frische Gepäck eintrifft. Offiziell nennen die Menschen es verlorengegangenes Gepäck. In unseren Ohren klingt das komisch, denn sie bringen es doch selber her! Wir haben oft davon gesprochen, dass die Menschen uns fragen könnten, wenn sie was versiebt haben. Jede Wanze weiß, wo das verlorene Gepäck ist: im Gepäckraum natürlich! Ihr habt es doch selber hergebracht!

 

[S. 24 – 26]

Heute war die Ausbeute besonders reich. Im Londoner Flughafen Heathrow hatte man was verwechselt und eine ganze Ladung Gepäck, die für einen anderen Flughafen bestimmt war, zu uns geschickt. Ich krabbelte mit Walli gerade in eine gelbe Tasche, als sie plötzlich erstarrte.

„Willi“, flüsterte Walli und sah sich erschrocken um. „Hörst du das?“

Ich hörte nichts. Ich sah über die Schulter nach hinten und schärfte meine Wanzenohren, aber hören tat ich nichts. Walli ließ ihren Blick zu einer Kiste an der Wand huschen und hüstelte vielsagend. Ich lauschte.

Und jetzt hörte ich es. Die Kiste knurrte!

„Wow …“, flüsterte ich Walli zu und nahm meine Freundin an die Hand. Mit äußerster Vorsichtig schlichen wir uns an die geheimnisvolle Kiste heran, um sie ein bisschen genauer unter die Lupe zu nehmen. Das war gruselig, aber auch toll.

Jede Wanze weiß, dass Gepäckstücke manchmal Töne von sich geben. Der Koffer des Bonbonpapiersammlers raschelt und der des Uhrmachers tickt, aber eine knurrende Kiste war uns noch nicht untergekommen.

„Was meinst du, was da knurrt?“, flüsterte Walli mit flackernden Augen und beäugte die Kiste von links und von rechts.

„Wir können ja fragen“, meinte ich. „Was knurrt, das redet vielleicht auch.“

„Super Idee!“ Walli nickte. „Los, frag was!“

Wir schlichen uns noch näher an die knurrende Kiste und klopften zunächst einmal an. Das Knurren hörte auf. Walli zwinkerte mir aufmunternd zu. Ich hustete mir die Spucke von den Stimmbändern und sagte laut: „Hallo. Wir sind die Flughafenwanzen Willi und Walli. Ist da jemand?“

Keine Antwort. Wir warteten ab und klopften noch einmal. Und lauschten wie die Lüchse.

Schließlich hörten wir es in der Kiste kratzen. Und dann sagte jemand ganz leise und ganz verlegen: „Niemand da.“

„Wie das?!“, flüsterte Walli. „Da ist doch jemand drin und redet!“

„Wie das?!“, wiederholte ich Wallis Worte. „Sie haben doch geknurrt!“

„Gar nicht!“, erwiderte die Kiste eigensinnig. „Ich habe nur ein bisschen gegrummelt. Hier drin ist es nämlich schrecklich eng.“

„Aber wenn niemand in der Kiste ist, wieso grummelt es dann da drinnen?“ Walli gab nicht auf.

Die Kiste schwieg. Und dann sagte jemand mit einem tiefen Seufzer: „Vielleicht ist ja hier nur ein Hund. Ein Dackel. Der Robi heißt. Ob Sie mich jetzt bitte rauslassen könnten?“

Walli lächelte triumphierend – ein grummelnder Hund! Ha! So etwas hat man im Gepäckraum noch nie gesehen! Wir machten uns mit Volldampf an die Kiste.

 

[S. 66 – 67]

Ein Besuch auf dem Flohmarkt

„Mit den Flöhen zu reden, das war eine super Idee von euch“, lobte Robi, während er in Richtung Terminal trabte. „Flöhe sind ja eine unglaublich aufmerksame Gattung. Sie haben mal in meinem Fell gewohnt und mir jeden Abend spannende Geschichten über ihre Unternehmen erzählt. Kam mein Herrchen mit dem Kamm, sind sie rausgesprungen, ein bisschen frische Luft schnappen, und wenn er fertig war, sind sie wieder eingezogen. Ich habe es sehr bedauert, dass sie irgendwann komplett weggezogen sind. Ich denke oft daran, wie es ihnen gehen mag und was sie so machen … Wer so viel herumgekommen ist … Tja, Reisen bildet!“

„Deine Flöhe sind bestimmt mit unseren verwandt“, meinte ich. Auch die Flughafenflöhe hatten geschärfte Sinne. Sie untersuchten das angekommene Gepäck immer als Erste und sammelten die interessantesten Stücke heraus. Ihre Reserven wuchsen ständig. Wenn für gewöhnliche Insekten ein benutztes Stofftaschentuch unbrauchbar ist und in den Müll gehört, dann sehen Flöhe das ganz anders. Ein findiger Floh nimmt das Taschentuch an sich und verkauft es umgehend als Lampenschirm oder Fenstervorhang. Der Käufer ist überglücklich und kann sich nicht vorstellen, jemals ohne Flohmarktware klargekommen zu sein.

„Jaja, die Flöhe, die kennen sich aus“, meinte Onkel Anton. „Wir haben Glück, sie sind schon wochenlang wach.“ Und zwar hatten die Flöhe auf einem Flug von Costa Rica hundert Kilo Kaffeebohnen gefunden und brüderlich unter sich aufgeteilt. Jeder Floh erhielt eine Bohne und hat seitdem keine einzige Minute mehr geschlafen. Wenn also auf dem Flughafen etwas los war – die Flöhe haben es garantiert nicht übersehen.

 

[S. 71 – 75]

Die Flöhe haben Sorgen

Die Flöhe interessierten sich für alles, was in der Welt vor sich ging. Jeden Morgen und jeden Abend um neun versammelten sie sich in der Business Lounge vor dem Fernsehbildschirm, um die Börsennachrichten zu sehen. Die Flöhe wussten immer, welche Trends vorherrschten und was auf den Aktienmärkten los war. Zum Jahresende wurde eine Abordnung nach Amerika an die Wall Street geschickt, um die Lage mit eigenen Augen zu prüfen. Der Eindruck war jahrein, jahraus der gleiche: die Lage war viel schlimmer, als im Fernsehen berichtet wurde.

Reich waren die Flöhe schon seit Jahrhunderten. Ihre Vorratslager waren immer gestrichen voll, und Markt abzuhalten garantierte ihnen satte Einnahmen. Trotzdem waren die Flöhe nicht hochnäsig. Ein hochnäsiger Floh wäre in seiner Familie sofort unten durch gewesen. Der Handel lag ihnen einfach im Blut. Irgendwann und irgendwo war dieser Hang bei ihnen zum Durchbruch gekommen, und nun lebten sie ihn in vollen Zügen aus.

„Wie laufen die Geschäfte?“, fragte Onkel Anton den Floh Ferdinand.

„Wie geschmiert, man kann nicht klagen“, antwortete der Floh, „aber es könnte mehr gefeilscht werden. Keiner mag mehr Preise herunterhandeln. Der Kunde will alles, und zwar sofort, und zahlt ohne Murren und Knurren den vollen Preis.“ Er seufzte. Preisnachlässe zu verhandeln, war die größte Leidenschaft der Flöhe.

„Jaja“, nickte Onkel Anton, „die modernen Zeiten, keiner hat mehr Zeit…“

„Das Spielerische schwindet“, klagte Ferdinand, „und bei uns türmt sich das Geld. Man bekommt es ja schon mit der Angst zu tun, wenn ein glitzernder Flitter wieder zum vollen Preis weggeht! Nur ein einziger Verkauf, und schon ist der nächste Batzen Geld verdient!“ Der Floh seufzte herzzerreißend.

Ferdinands Sorge bedrückte auch die anderen Flöhe. Das mit dem Flohmarkt verdiente Geld war ein ernsthaftes Problem – sie wussten nicht, wohin damit. Das Vorratslager war ja schon mit der ganzen Ware voll bis unters Dach! Die Flöhe suchten seit geraumer Zeit nach einer Möglichkeit, das Geld möglichst schmerzfrei loszuwerden.

„Voriges Jahr haben wir glücklicherweise mal rote Zahlen geschrieben“, entsann sich Ferdinand voller Freude. „Wir haben gehandelt bis zum Gehtnichtmehr und konnten immerhin den Glühwürmchen einige Kilo gebündelter Scheine ins Johannifeuer werfen. Kredite vergeben wir auch so viele wie möglich und bitten darum, sie nicht zurückzuzahlen. Und zum Glück haben wir jetzt auch noch die andere Sache.“

„Was für eine andere Sache?“ fragte Walli.

„Den Rettungsanker zum Geldloswerden“, antwortete Ferdinand freudig. „Diesmal gibt es wirklich Grund zur Hoffnung! Schaut mal hoch!“

Wir schauten hoch. Weit oben über den [Flohmarkt-] Ständen hing ein Transparent. Darauf nur vier Worte in Blockschrift:

ES LEBE DIE INFLATION!

Ferdinand lächelte zufrieden und nickte. „Inflation. Das heißt, dass das Geld mit der Zeit immer weniger wert ist. Wir haben es in den Nachrichten gehört und sind jetzt große Fans davon.“

„Und wer ist das auf dem Bild daneben?“, forschte Walli. „ Ganz ansehnlicher Mann …“

„Das ist Lehman“, stellte Ferdinand den Herrn auf dem Bild vor. „Unser Hoffnungsträger.“

„Lehman, General der amerikanischen Seestreitkräfte?“, fragte Vello atemlos.

„Nein, Bankier Lehman“, antwortete Ferdinand. „Der Schandfleck der amerikanischen Wirtschaft.“ Er lächelte strahlend. „Aber unser Retter und Messias!“

Von Lehman hatten die Flöhe in Amerika erfahren. Er hatte in seiner Bank das Geld von Tausenden Menschen gesammelt, um es danach einfach zu verlieren. Auf die Flöhe hatte diese Begebenheit großen Eindruck gemacht. Sie druckten das Bild des Mannes aus und hängten es neben das Transparent an die Wand. Die Zukunft sah gleich noch heller aus. Wenn sie tüchtig daran arbeiteten, würden auch sie eines Tages ihr Geld los sein!

Wir bewunderten den an der Wand hängenden Lehman. „Nicht übel, sieht bisschen aus wie ein Fuchs“, meinte Robi.

„Ein schöner Mann“, seufzte Walli. „So strahlend weiße Zähne!“

„So alt und noch keine Brille“, versetzte Onkel Anton. „Wahrscheinlich liest er nicht viel. Er wird seine ganze Energie ins Geldverlieren stecken, Bankiers haben bestimmt wenig Freizeit.“

„Ein Glück, dass wir Wanzen sind!“, warf ich ein. Die Flöhe hatten wirklich ganz andere Sorgen als wir.

 

[S. 84 – 88]

Die Versammlung

„Zunächst danke ich allen für ihr Kommen“, begann Franz freundlich. „Schön zu sehen, dass Sie trotz der kurzfristigen Ankündigung die Zeit gefunden haben. Aber es ist ernst, sehr ernst.“ Der Floh räusperte sich und holte tief Luft: „Unser Flughafen wird einer Hygiene- und Sauberkeitskontrolle unterzogen. Wenn nicht alles so ist, wie es vorschriftsmäßig zu sein hat, wird er geschlossen.“

Ein erregtes Summen ging durch die Versammlung. „Wie jetzt – Sauberkeitskontrolle?“, fragte Brummer Bruno von der Wand her. „Meiner Meinung nach wird hier mehr als genug saubergemacht.“

„Genau!“, ergänzte [Schabe] Schorsch. „Wir haben die Nase voll von den putzwütigen Putzfrauen! Überall der grausige Gestank nach Klo-, Fliesen-, Fugen- und Fensterreiniger! Nur im Café ist es noch auszuhalten!“

„Die Kontrolle sagt aber was anderes“, meinte Franz.

„Alles verdreckt!“, bellte Robi nervös dazwischen. „Sagt mein Herrchen!“

„Das ist Robi, der Hund von Inspektor Tangens“, stellte Franz Robi vor und winkte ihn zu sich. „Komm und erzähl am besten selber, du kannst sicherlich Genaueres dazu sagen.“

„Genaueres kann ich leider nicht sagen.“ Robi kletterte verlegen zu Franz hinauf. „Mein Herrchen hat nur gesagt, dass der Flughafen alt ist und man deswegen die Kontrolle durchführen muss. Und wenn er verdreckt ist, wird er geschlossen.“

„Das wär’s ja noch!“, rief Schorsch kämpferisch. „Schließen! So ein Idiot! Keiner hat ihn hergebeten!“

„Justament!“, fiel Vello ein. „Wir lassen uns nicht unterkriegen! Auf in den Kampf! Bis zum letzten Blutstropfen!“

„Ruhe bitte!“, verschaffte sich Versammlungsleiter Franz Gehör. „Als erstes müssen wir beschließen, ob und wie wir das Ganze ändern können. Kopflos in den Kampf zu ziehen bringt nicht viel. Robi, sprich – was hat Tangens genau gesagt?“

„Na dass die Kontrolle laut Mängelliste durchgeführt wird. Die hat mein Herrchen erstellt, er ist nämlich Experte!“, antwortete Robi stolz. „Er hat sie noch da, von den letzten Kontrollen. Fragen Sie Willi und Walli, wenn Sie mir nicht glauben.“

Franz warf mir einen fragenden Blick zu.

„Stimmt“, nickte ich. „Tangens hat ganz deutlich gesagt, dass die Liste fertig ist und er so schnell wie möglich anfangen will. Wir haben sie [den Direktor und Tangens] im Direktorenzimmer belauscht.“

Unter den Zuhörern entstand ein nervöses Getümmel. Ein klitzekleiner Fliegenjunge wurde ohnmächtig und sank von der Wand auf den Boden.

„Jawohl, im Direktorenzimmer“, wiederholte Walli. „Und wir hatten gar keine Angst!“ Walli lächelte verträumt.

„Also dann …“ Franz versank in Gedanken, dann fuhr er auf. „Nein! Der Flughafen darf um keinen Preis geschlossen werden! Werte Versammlung, ich erwarte Vorschläge! Zeit zur Beratung – fünfzehn Minuten!“ Franz setzte ich, ein Bein übers andere geschlagen, auf den Rand des Rednerpults und verschränkte die Finger.

Jetzt kam Leben in den Raum, die Versammelten teilten sich in Gruppen auf. Die Ameisen bildeten blitzschnell zwei Kolonnen: die eine begann mit den Beratungen, die andere knüpfte Proviantsäckchen auf, ließ es sich schmecken und wartete auf Befehle. Bei den Ameisen war die Arbeitsteilung eisern geregelt – die einen dachten, die anderen machten.

Auch die Termiten benahmen sich wie immer in aufregenden Momenten und fraßen ein Loch in die Wand. Kleineren Zwischenmahlzeiten niemals abgeneigt, wurden sie unter Stress zu regelrechten Fresssäcken. Heute war es besonders schlimm. Das Loch in der Wand vergrößerte sich beängstigend schnell.

Die Heuschrecken hielten sich starr auf dem Fensterbrett und verfolgten nur mit den Augen die Umgebung. Sie, die Herrscher der Lautsprecher, ließen sich nicht dazu herab, Unruhe zu verbreiten. Ihr Nervenkostüm war ohnehin nicht das Beste – von morgens bis abends die zu den Lautsprechern Drängenden abzuwehren, die nur ihre Lieben grüßen wollten, das hatte über die Jahre Spuren hinterlassen. Immer wieder gelang es einzelnen Käfern durchzubrechen, nur um zu fragen: „Kann ich eben mal einen Gruß durchsagen? Und mir ein Lied wünschen?“ Die Heuschrecken verachteten alle Insekten, ausgenommen Heuschrecken.

Das wildeste Treiben herrschte bei den Fliegen, die, wie immer, alle zur gleichen Zeit redeten. Die Fliegen strotzten vor Ideen und Tatendrang, entsprechend weniger Energie verwandten sie aufs Denken. Andererseits waren sie auch einsichtig und herzlich. Wie wir Wanzen, liebten auch die Fliegen Nähe und hegten Gefühle für die Menschen. Sie flogen ihnen ständig hinterher und setzten sich bei jeder Gelegenheit auf ihre Schultern oder Arme. Ungebrochen glaubten sie an das Gute im Menschen. Franz’ Hinweis darauf, dass Tangens böse sein könnte, verwirrte die Fliegen. Jeder wollte etwas dazu sagen.

Wir, die Wanzen, trafen als erste unsere Entscheidung. Wie immer, fiel sie einstimmig aus – keiner regte sich auf oder benahm sich daneben. Nach der Beratung fielen wir uns um den Hals.

„Guck mal, wie friedlich es heute bei den Schaben zugeht“, flüsterte mir Walli ins Ohr. Wahrhaftig, auch da herrschte außergewöhnliche Ruhe. Die Schaben hatten sich um Schorsch geschart und lauschten. Der Häuptling stand mit gespreizten Beinen mitten im Kreis und gestikulierte. Die Augen der Schaben bewegten sich im selben Takt – rauf, runter, rauf, runter.

„In zehn Minuten kommen wir zur Entscheidung!“, rief Franz. Das Stimmgemurmel verstärkte sich. Die Versammlung hatte ihren Höhepunkt erreicht.

 

[S. 111 – 114]

Sicherheitskontrolle

Die Fliegen saßen an der Decke der Abflughalle und besprachen miteinander, wie der Beschluss der Versammlung in die Tat umzusetzen sei. Sie waren voll und ganz bei der Sache, aber es gab ein klitzekleines Problem – den Beschluss als solchen, den hatten sie vergessen.

„Sicherheitskontrolle“, meinte eine der Fliegen und kratzte sich im Nacken. „Wir sollten in die Sicherheitskontrolle und da dann irgendwas machen.“

„Irgendwas mit Menschen war es auch“, erinnerte sich eine zweite. „Sollten wir sie nicht irgendwas fragen? Auf Menschenschultern landen und in Menschenohren flüstern …“ Die Fliege lächelte verträumt.

„Ich fresse meinen Flügel, wenn da nicht was mit Putzen war“, versetzte Kuno, der Fliegenälteste. Die Fliegen nickten. „… was mit Putzen war“, wiederholten sie im Chor.

Die Augen der zweiten Fliege leuchteten. „Sagt mal, sollten wir nicht die Menschen putzen? Kekskrümel aus dem Bart, Haare vom Mantelkragen?“

„Ich weiß nicht, irgendwie war das anders“, meinte jemand. „Sollten wir nicht das Kofferkarussell abwaschen? Da fährt doch tagtäglich ein Haufen Müll drauf rum.“

„Müll … Müll …“ wiederholte Kuno. „Leute! Ich habs! Wir sollten die Sicherheitskontrolle putzen! Bevor es losgeht mit der …“

„…Sicherheitskontrolle!“, riefen alle im Chor. „Bevor es losgeht mit der Sicherheitskontrolle“, Kuno nickte zufrieden. „Genau – bevor es losgeht! Morgen früh Punkt acht Uhr.“ Alles nickte im Takt zu Kunos Worten.

„Auf geht’s! Mir nach!“ Kuno flog los. Die Fliegen stießen sich mit den Hinterbeinen von der Decke ab und summten durch die Luft.

Kuno hob einen Flügel. „Ach ja, eins noch. Wir haben zum Putzen nur eine Nacht, das heißt, jedwede Späßchen und Extrawürste fallen weg. Und jetzt ist gleich Schlafenszeit, also kurz noch die Aufteilung. Ich schlage folgendes vor.“ Kuno kratzte sich und fing an: „Zwanzig Mann auf einen Passagier, das heißt, auf die, die von weither kommen und ungewaschen sind. Die zur Arbeit wollen, sind sauberer, auf die schlage ich zehn Mann vor. Und dann natürlich die Kinder – jede Menge Fingernägel, Ohren, Füße. Und wer dann noch übrig ist, der putzt den Raum.“ Kuno holte Luft. „Aufteilung. Wer nimmt die Menschen?“

Sämtliche Fliegen schrien durcheinander. „Ich!“ „Nein, ich!“ „Ich will aber!“

„Doch nicht alle!“ Kuno schüttelte den Kopf. „Denkt doch mal an die vielen Ecken, das Laufband, das Durchleuchtungsdings, wo die Koffer durchlaufen, da ist mehr als genug zu tun.“

Eine Gruppe älterer und wahrscheinlich auch pflichtbewussterer Fliegen sonderte sich von den anderen ab. „Nett von euch“, sagte Kuno, „mit Menschen habt ihr schon genug zu tun gehabt, nicht wahr. Soll sich jetzt die Jugend amüsieren.“

„…jetzt die Jugend amüsieren!“ summten die älteren Fliegen im Chor.

„Also – alles klar!“ rief Kuno. „Auf die Plätze, fertig, los!“

Hunderte emsiger Fliegen summten durch den Saal in Richtung Sicherheitskontrolle. Es war ein toller Anblick, wie sie über unsere Köpfe hinweg sausten. „Sieh mal, die Fliegen machen sich schon auf“, stellte Robi fest. Die Termiten klatschten Beifall, und Loore winkte.

Nur in meiner Seele stachen Angst und Sorge. Das hing mit Tangens zusammen, doch Robi durfte ich es nicht zeigen. Jetzt musste ich tapfer sein.

 

[S. 121 – 124]

Die Fliegen schreiten zur Tat

Die Fliegen schritten zur Tat. Jetzt, da die nervige Alte in der Besenkammer schlummerte, konnten sie endlich in Ruhe putzen. Und zu putzen gab es reichlich. Neben dem Abfallbehälter lagen leere Flaschen und Bonbonpapiere. Neben dem Laufband hatte jemand seine Drecktapsen hinterlassen. Selbst der Stuhl und der Monitor der Alten waren dreckig und speckig. Staub hatte hier wochenlang keiner gewischt.

Zuerst beseitigten die Fliegen den gröbsten Dreck. Die schweren Stücke oblagen den Brummern, die mehr Kraft und die stärkeren Flügel hatten. Von den Menschen klaubten die Fliegen Fussel und Krümel ab, im Haar eines ungekämmten Mannes fanden sie eine Daune aus seinem Kopfkissen. Zwei Fliegen wollten einem kleinen Jungen in die Ohren gucken, aber der schüttelte sich und verscheuchte sie immer wieder.

Die Menschen merkten gar nicht, wie hunderte von Fliegen um sie herum Ordnung machten. Sie fuchtelten ein bisschen, wenn sich ihnen eine auf den Kopf oder die Schulter setzte, doch das war schon alles. Bemerkt wurden die Fliegen nur von den Kindern, die verfolgten das Treiben mit strahlenden Augen. Aber waren aus den Kindern Erwachsene geworden, war auch die Beziehung zu den Fliegen eine andere.

Die Fliegen wussten, dass die Erwachsenen in ihnen schmutziges Ungeziefer sah, das Bakterien und Krankheiten verbreitet. Dies war zwar peinlich, doch zu ändern war es nicht – die Bakterien setzten sich einfach an ihnen fest, und die Regeln der Natur lassen sich nun mal nicht ändern. Sicher, gerne hätten sich die Fliegen jeden Tag mit Seife abgeschrubbt, doch das war leider nicht möglich. Stattdessen versuchten sie den Menschen klarzumachen, sich die Hände vor dem Essen und nach dem Gang aufs Klo zu waschen, doch sie wurden nicht erhört. Wie oft mussten die Fliegen mit ansehen, wie sich die Erwachsenen mit ungewaschenen Händen an den Tisch setzten und mit den Fingern Kuchenkrümel vom Teller tupften. Manchmal bohrten sie ihre Finger sogar in die Nase! Die Fliegen kniffen dann immer die Augen zu, so peinlich berührt waren sie. Und ihre Sorge war nicht unberechtigt – von den schmutzigen Händen bekamen die Erwachsenen Bauchschmerzen und mussten dann tagelang das Bett hüten. Die Kinder dagegen hatten den Erwachsenen in Sachen Händewaschen einiges voraus.

Nun aber verging die ganze Nacht mit Putzen, und mit dem ersten Sonnenstrahl war alles fix und fertig. Die Frühschicht traf fast der Schlag, als sie den Raum betrat, so blitzte alles, sogar die Wände waren frisch abgewischt. Die Fliegen verschnauften an der Decke und betrachteten voller Zufriedenheit ihr Werk.

„Geschafft“, meinte Kuno und schlug seinem Nebenmann auf die Schulter. „Seht ihr, gemeinsam kriegen wir alles gebacken! Nichts und niemand hält uns auf.“

Die Fliegen gähnten und bündelten ihre Kräfte für den Rückflug, als aus einiger Entfernung gedämpftes Schimpfen und Poltern zu hören war.

„Die Alte!“, rief Kuno und verdrehte die Augen. „Die müssen wir ja auch noch freilassen!“

Wie gerufen landete vor ihnen eine Fliege von der Fliegenwache. „Der Hausmeister hat es schon erledigt“, wusste sie zu berichten. „Er wollte sich gerade zur Frühschicht umziehen, da stieß er auf die schnarchende Alte im Schrank. Die ist dermaßen ausgerastet, dass mir vom Geschrei fast das Trommelfell geplatzt ist.“ Die Fliege steckte sich ein Bein ins Ohr und stocherte vorsichtig darin herum.

„Das trifft sich gut“, meinte Kuno. „Wir sind nämlich auch gerade fertig. Also – Abmarsch! Alles klar?“

„Was hast du gesagt?“ fragte eine ältere Fliege.

„Fer-tig! Ab-marsch!“ schrie Kuno ihr ins Ohr. „Wir machen uns davon.“

Und die Fliegen machten sich davon. Sie flogen viel langsamer als vorhin. Der eine und andere Fliegenjunge musste auf dem Rückweg ein bisschen gestützt werden, damit er nicht durch allzu langsames Fliegen abstürzte. Die lange Arbeitsnacht hatte sie mächtig geschlaucht. Jetzt wartete ein wohlverdientes Schläfchen auf sie.

 

Endlich gibt es was zu tun!

Während sich die Fliegen mit der Alten abgeplagt hatten, gingen die Ameisen daran, die Toiletten zu putzen. Im Vergleich zu den Fliegen, die immer nach Lust und Laune handelten, herrschte bei den Ameisen eiserne Disziplin. Sie teilten sich in drei genau gleichgroße Kolonnen auf und warteten brav auf den ersten Befehl. Wie im Sportunterricht stellten sich die Ameisen hintereinander der Größe nach auf: die größeren an den Anfang der Reihe und die kleineren ans Ende. Und ganz am Ende standen die Ameisen, die man nur dann sah, wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellten. Von vorne sah man also nur eine Ameise und zwar die größte.

„Stillgestanden! Augen geradeaus! Und – links, zwo, drei!“ Die Ameisen marschierten los, allen voran die Königinnen. Sie waren die wichtigsten im ganzen Ameisenstaat, sie legten hin und wieder ein Ei und kannten die Namen aller Verwandten. Die Königinnen wurden verehrt, auf sie wurde gehört. Ungehorsam verdarb die Arbeitsmoral und kostete wertvolle Zeit.

Heute waren die Ameisen besonders gut gelaunt. Achtundzwanzig Toiletten zu putzen – solches Glück wurde ihnen selten zuteil. Ameisen werden nämlich sofort unruhig, wenn es nichts zu tun gibt, und Müßiggang fürchten sie wie die Pest. Es brauchten bloß Staatsfeiertage zu nahen, schon wurden die Ameisen unruhig, hatten schlechte Laune und fühlten sich wie gelähmt. Schon am Morgen des ersten Feiertages bekamen etliche von ihnen Fieber und Bauchschmerzen, schlimmstenfalls auch Durchfall und Pickel. Und gegen Abend dämmerte der ganze Ameisenstaat einzig in Erwartung auf bessere Zeiten dahin. Erst am Morgen des neuen Werktages fühlten sie sich besser, und gegen Mittag waren sie wieder emsig und frohgelaunt. So auch heute. Sie hatten sich die Toiletten vom Lageplan des Flughafens eingeprägt und standen nun an der entsprechenden Tür.

Plötzlich flog die Tür auf, und ein Mensch trat heraus. Blitzschnell verzogen sich die Ameisen an die Wand und verharrten still. Der Mensch war ein Mann, er war lang und dünn und schaute verbiestert drein. Er trug eine schmale schwarze Hose, schwarzglänzende Schuhe und einen dunklen Rollkragenpullover. Als er an den Ameisen vorbeiging, zog sich der Mann hauchdünne weiße Handschuhe an, rümpfte die Nase und schnipste einen Fussel vom Pullover. „Dreckig-dreckig-drrrreckig“, krächzte er und knallte die Tür zu.

Als der Mann fort war, schmulten die Königinnen unter der Tür in den Raum und nickten.

„Die Luft ist rein. Kolonne Eins – marsch!“

Die Reihe, die der Tür am nächsten stand, krabbelte hindurch. Die Königinnen nickten. „Kolonne Zwei!“ Auch die zweite Reihe verschwand im Handumdrehen in den Tiefen der Toilettenräume, gefolgt von der dritten, vierten … und so weiter. Schließlich waren alle Ameisen drinnen versammelt und warteten geduldig auf die nächsten Befehle.

An der rechen Wand befanden sich die Handwaschbecken und die Händetrockner samt verschmierten Flüssigseifenbehältern und zerknüllten Papierhandtüchern. Über alledem bemühte sich ein breiter staubiger Spiegel, trotz hunderten von Fingerspuren Glanz zu zeigen. Auf der linken Seite lagen die Toilettenkabinen, von denen die meisten Türen offen standen. Die Luft war alles andere als frisch. Die Königinnen rümpften die Nase.

„Es stinkt“, flüsterten die Ameisen und bewegten verstört die Fühler. Sie schnupperten und witterten gerne, insbesondere ihre Freunde und Verwandten, aber was ihnen hier entgegenschlug, war fremd und widerwärtig.

„Kolonne Eins an die Waschbecken!“, befahlen die Königinnen. „Die beiden nächsten an die Toiletten! Wir schlagen Alarm, wenn jemand kommt.“ Die Königinnen kletterten an der Zimmerpalme in der Ecke des Raumes empor, um von oben Wache zu halten.

Kolonne Eins kletterte am Wasserrohr nach oben und jauchzte vor Freude. Neben den Waschbecken auf der großen Ablagefläche wimmelte es von eingetrockneten Seifenspritzern. Wasserhähne und Spiegel waren voller Finger- und Lippenstiftspuren. In Wasserpfützen weichten zusammengeknüllte Reste von Papierhandtüchern. Der Waschbeckenrand war voller Haare, der Abfluss war von einem undefinierbaren grauen Knäuel verstopft. Die Ameisen wechselten ein paar Blicke und setzten mit einem Sprung in die Waschbecken. Ihre Augen blitzten.

„Leute!“, rief plötzlich jemand. „Hier hat wer was vergessen!“

Tatsächlich! Am Rand des Waschbeckens lag ein langer grüner Stab mit weißen Borsten am Ende. Die Königinnen kamen herzu und nickten. „Eine Zahnbürste. Seit mehreren hundert Jahren bekannt.“

Die Ameisen beäugten die Zahnbürste. Sie hatten zwar auch gute und kräftige Kiefer, aber zu bürsten war daran nichts. Einige Ameisen betasteten ehrfürchtig die Borsten und beneideten die Menschen. Mit einer solchen Bürste sich zu waschen – oh, das wäre himmlisch!

„Zahnbürste aufnehmen! Bereit zur Nutzung!“, befahlen die Königinnen. „Zur Reinigung von Waschbecken und Kloschüsseln – un-über-treff-lich! Kolonne Eins – fertig und marsch!“

Das mussten die Königinnen nicht zweimal sagen. Die Ameisen krabbelten unter die Zahnbürste und hievten sie sich auf den Rücken. Die Bürste begab sich auf den Weg. Sie machte erst am Grund des Waschbeckens halt und begann dort emsig die Seifenflecken zu bearbeiten. Die Königinnen zwinkerten einander zu und krabbelten wieder nach oben auf die Zimmerpalme. Aus dem Waschbecken waren nur noch Begeisterungsrufe zu hören.

Hart gearbeitet wurde auch an den Toiletten. Hunderte Ameisen putzten und scheuerten und pfiffen dazu ihre Lieblingsmelodie. „Wer will fleißige Ameisen sehn …“

Als Tangens nach einer Weile seine Zahnbürste suchen kam, war die spurlos verschwunden. Anstelle der Bürste grüßte ihn ein blitzeblanker Spiegel und die nach Seife duftenden Waschbecken. Tangens klapperte mit den Augendeckeln und sank auf den Boden. „Ich fasse es nicht, ich werde verrückt“, murmelte er. „War dieser Spiegel nicht gerade eben noch voller Spritzer und Fingerabdrücke?“

Die Zahnbürste hatte Tangens völlig vergessen, und das war besser so. Die war nämlich schon unterwegs in die nächste Toilettenkabine, um dort ihre Arbeit fortzusetzen. Schließlich lagen noch einundzwanzig Kabinen vor ihr.

Sieben Stunden später, zu Tagesanbruch, waren auch die pikobello sauber. Die Ameisen hatten ihr Werk vollbracht. Die Zahnbürste war auch sauber und durfte sich ausruhen, um später für die Leibwäsche und das Rückenkraulen zu dienen, so hatten es die Ameisen beschlossen. Außerdem erinnerte sie in angenehmer Weise an die eben vollbrachte Schwerstarbeit.

 

[S. 144 – 147]

Die Schaben feiern

Während alle anderen schon putzten, hielten die Schaben im Hinterzimmer des Cafés ihre zweite Versammlung ab. Alles war wie immer – Schorsch redete, die anderen hörten zu.

„Ist doch überhaupt kein Ding!“, erklärte er. „Jungs, wenn ihr ranklotzt, ist die Sache in Nullkommanix erledigt! Die ganze Nacht lang putzen, Mann, wir sind doch nicht behämmert! Was sind wir?! Schaben! Schnell und schlau!“ Schorsch lachte laut auf und setzte sich auf einen Pappkarton mit Rumkugeln „Mehr als zwei Stunden brauchen wir nie im Leben!“

„Und wie uns schon die Väter lehrten – vor der Arbeit soll man sich stärken“, fuhr Schorsch mit erhobenem Zeigefinger fort. „Mit leerem Magen wird nix getragen! Also – Jungs, jetzt feiern wir erstmal ein Fest!“ Schorsch stieß den Fuß in eine Rumkugel und kostete, was an der Spitze hängengeblieben war. „Frische Lieferung von heute früh, auf geht’s!“

Das musste Schorsch nicht zweimal sagen. Die Schaben sprangen von den Regalen und huschten zu ihrem Häuptling. Der hatte nicht gelogen. Im Karton befanden sich Rumkugeln, fein säuberlich für den nächsten Morgen zu einer flachen Pyramide aufgeschichtet.

„Ihr müsst sie herunter rollen “, belehrte sie Schorsch. „Und macht euch zu mehreren dran, die sind saftig und schwer.“ Der Häuptling grinste zufrieden.

Die Schaben gingen ans Werk. Zehn Jungs erkletterten die Spitze und bauten die Pyramide Kugel für Kugel ab. Eine Seitenwand des Kartons wurde aufgemacht, so dass die runden Dinger von den älteren Schaben unten abgefangen und mit Schwung hinter die Kasse gerollt werden konnten. Bald waren alle vierzig Rumkugeln im Café, jede von mindestens zwanzig Schaben bevölkert.

„Gut gemacht, Jungs!“, rief Schorsch und erkletterte die Kaffeemaschine. „Ich erkläre das Fest für eröffnet!“

Die Gesichter der Schaben verzogen sich zu einem breiten Grinsen. Feste feierten sie mit Vergnügen, besonders wenn sie mit einem so königlichen Schmaus begannen, und sie ließen sich die Rumkugeln schmecken. Schorsch sprang auf dem Tresen herum, wo er eine saftig-klebrige Krümelspur hinterließ und landete dann auf einem der Tische. „Jungs! Ich hab was Trinkbares gefunden! Kommt kosten!“

Ein Ruck ging durch die Schaben. Schorsch stand mit beiden Beinen in einer roten Pfütze, die Arme in Siegerpose erhoben. Neben der Pfütze lag eine umgekippte Weinflasche mit ihrem letzten Tropfen. Schorsch tunkte den Kopf in die Pfütze und schlürfte den Wein. „Schmeeeeckt!“, grunzte er und wischte sich den Mund. „Guter Jahrgang. Kommt aus Frankreich.“

Auch die anderen Schaben schoben sich heran und kosteten vom Wein. Gar nicht übel. Er war zwar sauer und wohl auch ein bisschen gegoren, aber zu den süßen Rumkugeln passte er wie die Faust aufs Auge. Sogar die ganz jungen Schaben schleckten mit Behagen an dem roten Gesöff herum.

„Und jetzt – auf zum Tanz!“ Schorsch sprang auf. „Ein Fest ohne Tanz ist wie ’ne Katze ohne Schwanz!“ Er trabte hinter den Tresen und lehnte sich mit dem ganzen Körper gegen den Einschaltknopf des Recorders. Es klappte, das Café füllte sich mit Musik. „Rock-rock-rock!“, grölte Schorsch und fing an wie wild zu tanzen. „Los, zeigt, was ihr könnt!“

Die Schaben gafften ihren Häuptling entgeistert an. Dann schleckten sie den Rest der Weinpfütze auf und drängten auf die Tanzfläche.

„Schaben haben, Schaben lieben, Schaben leben rock’n’roll!“, grölte Schorsch und vollführte immer gewagtere Sprünge und Drehungen, linksherum und rechtsherum, er schlug meisterhaft Rad und sprang wie ein wildgewordener Handfeger auf dem Tresen herum. Am Ende schwang er sich hoch auf die Kaffeemaschine und sprang von dort mit einem todesmutigen Satz direkt in die Arme der wogenden Schabenmenge, die ihn unten auffing und immer wieder begeistert in die Luft schleuderte.

Nach einigen Stunden wüsten Feierns wurden die Schaben müde. Schorsch lag auf dem Rücken hinter dem Milchaufschäumer und summte das traurige Lied vom Hotel in Kalifornien. Auch auf dem Tresen und in den Regalen lagen ermattete Schaben. Im Radio sang jetzt einer, der wahrscheinlich Halsschmerzen hatte, dass er keine „Sätisfäktschn“ kriege, was auch immer das heißen mochte. Doch, ja … Schorsch erinnerte sich dunkel an einen Song, der so anfing: I can’t get no satisfaction

„Sch…schnauze“, brummte er, „sch… schrei nicht so, ich kann nicht schlafen …“ Aber mit dieser Aufforderung lag Schorsch daneben. Der Sänger war noch lange nicht am Ende seines Liedes angekommen, als Schorsch schon schnarchte. Als das Lied dann wirklich zu Ende war, schnarchten auch alle anderen Schaben. Die Uhr zeigte zwei-null-null.

 

[S. 148 – 152]

Hilfe, es ist Morgen!

Als Pets, an die Kaffeemaschine gelehnt, erwachte, schauten ihn die ersten Sonnenstrahlen an. Schabe Pets räkelte sich und sah sich gähnend um. Er hatte das Gefühl, als sei etwas los, aber es war doch erst früh am Morgen. Und dann fiel es ihm ein.

„Ach du Sch …! Verpennt!“ Pets sprang auf und stöhnte. Er steckte das rechte vorderste Bein in den Mund und pfiff durchdringend. „Aufstehen! Matratzenhorchen beendet! Dalli, ihr Dösbacken, Putzen ist angesagt!“ Die Schabe erkletterte, sich den verkaterten Kopf haltend, die Kaffeemaschine und betrachtete voller Entsetzen die Umgebung.

So weit das Auge reichte, herrschte Chaos. Auf dem Tisch lag eine leere Weinflasche, auf der Tischdecke hatte sich ein nasser dunkelroter Fleck breit gemacht. Der ganze Tisch war übersät mit winzigen roten Spuren, die nach unten zum Fußboden und von da an der Seite des Schranks nach oben auf den Tresen führten. Pets wandte seinen Blick hinter den Tresen und erstarrte. Auf dem Boden lagen die Reste von vierzig Rumkugeln, angebissen, zerkrümelt, zum Teil breitgetreten. Pets brüllte auf.

Jetzt erwachten die Schaben. Sie kamen aus ihren Ecken gekrochen, hielten sich den Kopf und ließen sich stöhnend mitten in die Rumkugeltrümmer fallen. Das Fest hatte deutliche Spuren hinterlassen.

„Na schönen guten Morgen auch! Elende verpennte Bande! Wer hat euch gesagt, dass ihr so lange schlafen sollt?!“, donnerte Pets und sah streng in die Runde. „Schlamperei und Schlendrian! Der halbe Tag ist im Eimer!“

Alles schwieg betreten. „Warum denn gleich im Eimer“, meinte schließlich ein Schabenjunge und erhob sich mühsam. „Wir haben gefeiert, du hast doch selber mitgemacht! Und wenn man trinkt und tanzt, geht man früh nicht gleich los wie eine Rakete.“ Dem Jungen zitterten die Beine, er ließ sich wieder fallen. „Und schrei uns nicht so an.“

Pets kratzte sich im Nacken. „Schon gut. Klar haben wir getrunken und getanzt, aber jetzt haben wir die Arschkarte! Es ist Tag!“ Pets warf einen Blick nach draußen und schnaufte zornig. „Einen Saustall wie diesen sieht man nicht mal bei den Menschen!“

Die Schaben gähnten teilnahmslos, nur der Schabenjunge dachte mit. „Lass uns die anderen zu Hilfe holen!“, rief er Pets zu. „Holen wir die Ameisen und Flöhe und Wanzen, damit sie uns beim Putzen helfen!“

„Geht nicht“, schüttelte Pets den Kopf. „Die haben selber genug zu tun. Wir müssen das aus eigener Kraft schaffen.“ Er kratzte sich wieder im Nacken, voller Sorge diesmal, doch plötzlich …

„Ich habs!“ Pets sprang auf. „Die zündende Idee! Wir holen Hilfe, aber nicht die Ameisen, Flöhe oder Wanzen, sondern …“

Pets erkletterte blitzschnell den Schrank und pfiff. Dieser Pfiff klang ein bisschen anders als sonst. Er gellte durch den ganzen Flughafen und ließ Fenster und Wände erzittern. Pets holte tief Luft und pfiff ein zweites Mal. Jetzt wurde er gehört.

Aus den Fenster- und Türritzen, aus allen Ecken und Enden kamen Insekten gekrabbelt. Sie kamen an den Wänden herunter und ließen sich von den Lampen fallen. Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde es, um wen es sich handelte. Pets hatte die Verwandtschaft zusammengetrommelt.

Verglichen mit den Kaffeehausschaben, waren die Waldschaben aus ganz anderem Holz geschnitzt. Die Menschen behaupteten – und vielleicht hatten sie damit recht -, sie würden sogar den Atomschlag überleben. Waldschaben waren zählebig und hartgesotten.

„Verehrte Verwandtschaft, meine Damen und Herren“, begann Pets höflich. „Unser Notruf erging nicht aus einer Laune heraus. Wir haben ein kleines Problem. Ein Problem mit unserer Arbeitskraft.“ Pets verschränkte die Beine und lächelte gewinnend. Unter den Waldschaben erhob sich ein Raunen. Pets hob das vordere rechte Bein, eine Geste, die die Zuhörer verstummen ließ.

„ Und – ein kleines Zeitproblem. Wir sollten das Café putzen, aber wie es manchmal so ist, nach einer kleinen Festivität, nicht wahr, da schläft man etwas länger und … Ach, was rede ich! Leute, hört zu, wir brauchen euch dringend! Macht ihr mit?“

Die Waldschaben nickten, durchaus nicht unfreundlich.

„Großartig!“ rief Pets, „Und ich mache jetzt kein langes Geplänkel mehr. Lasst uns anfangen! Wir haben nur ein Stündchen.“

Die Waldschaben verteilten sich auf dem Tresen. Sie krabbelten in die Schränke, um Staub zu wischen, brachten die Krümel in den Abfalleimer und schleppten die bekleckerte Tischdecke fort. Ordnung schafften sie auch in den hinteren Räumen und im Lebensmittellager. Sechzig Minuten hochkonzentriertes Arbeiten, und das Café war sauber.

„Vielen Dank, die Herrschaften!“ Pets verbeugte sich vor den Waldschaben. „Man sieht, die Familie ist doch das allerwichtigste. Auch ihr könnt immer auf uns zählen. Wenn wir euch irgendwann irgendwie behilflich sein können …“

Eine Waldschabe, die sich auf den Fußboden gelegt hatte, um sich auszuruhen, stand auf und räusperte sich. „Also ich hätte da was. Draußen wird es ja jetzt immer kälter, und draußen zu leben … das ist kein Spaß.“

„Stimmt“, pflichtete Pets bei.

„Ich dachte, dass …“ fuhr die Waldschabe fort, „also, wir dachten, dass … wir euch in der kalten Jahreszeit vielleicht hin und wieder besuchen könnten. Wenn es euch passt. Wir könnten zusammen Rumkugeln essen und Kakao trinken.“ Die Schabe schaute Pets von unten her an und bohrte mit dem Zeh ein Loch in den Teppich.

„Aber immer!“ erwiderte Pets. „Kakao und Rumkugeln, warum nicht!“

Die Waldschaben freuten sich. „Dann würden wir übermorgen kommen“, teilte ihr Häuptling höflich mit. „Wir könnten unser Essen auch selber mitbringen. Das Essen draußen ist zwar ein bisschen anders als das, was ihr hier habt …“ Er schaute sehnsüchtig auf eine Rumkugel und seufzte.

„Keine Frage!“ Pets war einverstanden. „Und ein Tänzchen wäre auch nicht verkehrt, was?“

Die Schaben schwatzten noch eine halbe Stunde miteinander, bis sich die Verwandten von draußen schließlich auf den Weg machten. „Zu Hause ist alles liegengeblieben“, entschuldigten sie sich und krabbelten eilig davon.

Pets winkte ihnen nach und ging schlafen. In letzter Zeit schlief er in der Butterdose aus Wacholder am allerbesten. Da duftete es wie in der Kindheit. Das Holz wirkte beruhigend, und man lag so gut darin.

Auch die anderen gingen zur Ruhe. Sie hatten immer noch elende Kopfschmerzen. Aber das Café – das war bis zum Eintreffen des Inspektors sauber wie geleckt.

 

[S. 205 – 206]

Ein neuer Anfang

Draußen war es längst dunkel, als der Direktor endlich vom Schreibtisch aufstand. Er legte die Papiere in Mappen ab, warf einen Blick auf das Bild seines Großvaters und knipste die Tischlampe aus. Was für ein langer und ereignisreicher Tag! Der erfolglose Abzug des Inspektors und das erfolgreiche Telefonat mit der Flughafenbehörde hatten ihn gefreut, aber jetzt wurde ihm wieder traurig zumute. Nach Hause zu gehen, wo ihn nur kalte Zimmer und dunkle Fenster erwarteten … Der Direktor fühlte sich plötzlich sehr einsam.

Er zog den Mantel an, ergriff seine Aktentasche und hielt kurz inne, um den Blick noch einmal durchs Zimmer wandern zu lassen. So viele Jahre, Arbeit und Freude … Der Direktor war froh, dass der Flughafen bestehen bleiben konnte. Er nämlich wusste den Charme des Althergebrachten zu schätzen – er liebte den alten Schuhputzautomaten, der seine Arbeit schon jahrzehntelang an der Eingangshalle verrichtete, er mochte die älteren und erfahrenen Bediensteten ebenso wie die immerwährenden Rumkugeln im Café. Wie viel Freude gab es an den Arrivals, wo man ankam, wie viele Tränen an den Departures, wo man abflog – wie viel aufgeregte Erwartung, die unsichtbar im ganzen Gebäude schwebte. Ein Flughafen ist von A bis Z voller Gefühle. Dieser Flughafen hier war seine Welt, und in dieser Welt fühlte er sich glücklich. Wenn er doch nur etwas außer seiner Arbeit hätte … Der Mann seufzte und schloss die Tür hinter sich.

Der Direktor schritt durch den dämmrigen Flughafen und hing seinen Gedanken nach. Er ging am geschlossenen Zeitungskiosk vorbei und an den unbesetzten Tresen der check-in’s. Weiter hinten sah er die Lampen des Cafés, auch die spendeten am späten Abend nur gedämpftes Licht. Der Flughafen versank in seinen Nachtschlaf, um nach nur wenigen Stunden wieder zu vollem Leben zu erwachen.

Der Direktor durchschritt gerade das Vestibül, als ihm etwas ins Auge stach. Ein Stück entfernt, aus der Business Lounge, drang ein Lichtschimmer. „Alle sind doch weg …“, dachte der Direktor, „oder hat wer vergessen, das Licht auszumachen?“ Verwundert sah er zum Licht hinüber und richtete seine Schritte auf den Warteraum.

Der Mann schob die angelehnte Tür vorsichtig auf und erstarrte. Drinnen war es dämmrig, nur der Fernseher flackerte und zauberte Schatten an die Wand. Aber der Raum war nicht leer. Auf dem Fußboden vor dem Fernseher saß ein kleiner Hund und sah fern. Ab und zu schniefte er und machte leise „wuff“.

 

Aus dem Estnischen von Irja Grönholm