Kairi Look. „Ville macht sich auf die Socken”

Textauszüge

An Deck wurden die beiden von grellem Tageslicht und Hunderten eiliger Füsse begrüsst – von Frauen und Männern und Kindern und Hunden und wer weiss, von wem noch! Ville schrak sich im dichten Gewühl fast die Streifen aus dem Fell. Am liebsten wäre er zurück in den Gepäckraum geflüchtet, doch Pierre hielt den Gefährten am Schwanz und liess ihn nicht aus den Augen. Die beiden arbeiteten sich bis zur Treppe vor und rutschten am Handlauf der Landungsbrücke hinunter aufs Festland. Bemerkt wurden sie von niemandem.

Ville schwirrte von den vielen neuen Eindrücken der Kopf. Schon auf den ersten Blick war Europa ganz etwas anderes als der Heimatwald. Es gab unendlich viel zu entdecken. Ville beschloss, die Erforschung von Paris auf Höhe der Grashalme zu beginnen, denn die umherquirlenden Menschen kamen ihm laufend in die Quere und versperrten ihm die Sicht. Der Haken an der Sache war nur, dass es keine Grashalme gab. Statt aus Pflanzen, Laub und Wiese bestand der Pariser Boden aus glatten, gemusterten Steinen. Ville hätte sie allzu gern mal gekostet, aber Pierre trieb den Lemur zur Eile an und liess ihm keine Zeit, mit der Zunge über die Steine zu schlecken.

Ville verlegte sich auf die Sockenbetrachtung. Zu seinem Entsetzen bevorzugten die Menschen dunkle und löchrige Stinkesocken, nur ganz selten kreuzten hübsche, gestreifte Paare seinen Weg. „Was wäre es schön, solch eine Socke im Winter als Schwanzwärmer zu tragen”, schwärmte Ville und versuchte, das eine oder andere Exemplar ein bisschen anzuknabbern. Leider hatten es die Menschen schrecklich eilig. „Eile mit Weile”, murmelte Ville und passte auf, dass er Pierre dicht auf den Fersen blieb.

Pierre und Ville huschten zwischen den Leuten hindurch wie zwei kleine Käfer. Was ihnen um die Füsse huscht, sehen die Erwachsenen ja nie. Sie haben die dumme Angewohnheit, stets und ständig in Eile zu sein, und sind dadurch gar nicht imstande, die wirklich aufregenden Dinge in der Welt zu bemerken. Nur ein kleines Mädchen mit einem Eis entdeckte die beiden Reisegefährten und winkte ihnen fröhlich zu, wie alten Bekannten. Es trug aufregend gestreifte Kniestrümpfe, und der Lemur hätte sich zu gern mit dem Mädchen angefreundet, doch Pierre liess ihm keine Zeit dazu.

Nach und nach lichtete sich das Getümmel, und Pierre verlangsamte das Tempo. Jetzt bestand keine Gefahr mehr, dass jemand versehentlich auf sie trat oder ihnen mit dem Rollkoffer in die Hacken fuhr. Anstelle des Schiffsgedröhns lagen Stimmengewirr und Vogelgesang in der Luft, und in der Ferne blies jemand einen Blues auf der Posaune.

„Lass uns Pause machen. Ich bin fix und foxi”, sagte Pierre mit hängender Zunge und liess sich auf einen Grünstreifen am Strassenrand fallen. Er breitete ein spitzengesäumtes Taschentuch auf einer Baumwurzel aus und legte den Kopf darauf.

„Warum nicht”, meinte Ville. Als er etwas Kraft geschöpft hatte, stapelte er aus dem Koffer und seinem Bündel einen Turm und erkletterte die Spitze, um die Umgebung zu studieren.

War das eine Stadt! Überall Menschen und Tiere und Fahrzeuge aller Art. Ville sah Männer, die sich toll zurechtgemacht hatten und Hunderte schwarzer Zöpfe trugen. Andere waren bieder glattgekämmt oder zeigten eine wilde Lockenpracht. Was Ville erstaunte, war, dass es mächtig viele Leute gab, die überhaupt keine Haare auf dem Kopf hatten. „Vielleicht ist ihr Fellwachstum in Verzug geraten”, dachte er und fixierte einen Herrn mit Spiegelglatze. Er hatte das dringende Bedürfnis, mal drüberzuschlecken, aber der Mann schien scheu zu sein. Komisch, es war doch gar nichts dabei! Nun gut, Ville hob sich die nähere Untersuchung der Kahlköpfigen für später auf.

Weiterhin überraschte es Ville, dass viele Menschen nicht gingen, sondern rollten. Sie sassen auf einem kleinen Sitz zwischen zwei Rädern und bewegten die Beine. Manche hatten sogar Kinder dabei. So etwas hatten Villes scharfe Lemurenaugen noch nie gesehen – nicht einmal auf den Postkarten der Eichhörnchen.

„Warum rollen die so komisch?”, rief er Pierre zu, der unten auf der Baumwurzel lag und zerstreut an einem Grashalm kaute.

Pierre lächelte. „Ach, du kleiner Simpel! Das sind Fahrräder! Wer in Parrris nicht zu Fuss gehen mag oder sein Auto in der Werrrkstatt hat, der nimmt das Fahrrrad.” Er gurgelte das R wie Mundwasser und schien seine Überlegenheit zu geniessen. „Ein Fahrrrad hat zwar kein Dach und kein Fenster, aber es ist immer noch besser, als zu Fuss durch die Stadt zu onkeln. Ausserdem kann man mit dem Rrrad noch jemanden mitnehmen”, schloss er seine lehrreichen Ausführungen. Wahrhaftig, in diesem Moment rollte eine junge Frau vorbei, die in einer hinten am Rad befestigten Kiste einen possierlichen Pudel und zwei kleine Mädchen sitzen hatte. Alle winkten Ville freudig zu. Der Pudel schickte sogar ein Kusshändchen!

Villes Wissbegier gab keine Ruhe. „Aber warum sind so viele Autos in der Werkstatt? Bei allen Leuten zur gleichen Zeit?” Die Pariser Autoschlosser mussten Hochkonjunktur haben, denn es blitzten und flitzten Hunderte, wenn nicht Tausende Räder an ihnen vorbei.

„Weil Autobauer Stümper sind”, knurrte Pierre und runzelte die Brauen. Komisch – in der Ferne blinkten viele Kanäle mit schwärzlichem Wasser, aber wo war sein geliebter Pariser Fluss? „Also wirklich …”, murmelte er. „Entweder alle Autos kaputt und unverschämte Wartezeiten in den Werkstätten, oder …” Pierre kratzte sich hinterm Ohr. Die nächste Fahrradschlange kam vorbei.

Er holte tief Luft und kletterte in böser Vorahnung auf einen Baum. Die Pfote an der Stirn, studierte es aufmerksam die Umgebung. ETWAS WAR FALSCH. Es war weder der Eiffelturm zu sehen noch der lange, glänzende Fluss und auch nicht die kopfsteingepflasterten Pariser Strassen. So weit das Auge reichte, rollten Fahrräder die schmalen, von windschiefen Pfefferkuchenhäusern gesäumten Strassen an den Kanälen entlang.

Eine schlimme Ahnung befiel Pierre. Was, wenn sie gar nicht in Paris waren?! Wenn er sich jetzt nicht gewaltig irrte, hatte sie das Schiff in ein ganz anderes Land gebracht. Wohin, wusste das Eichhörnchen nicht zu sagen.

In Amsterdam, der Hauptstadt der Niederlande, war Pierre nämlich noch nie gewesen.

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Als der Lieferwagen in Paris ankam, waren die Brötchen bis auf den letzten Krümel verspeist, ebenso die Marmelade, ganz zu schweigen von den Würstchen. Pierre hatte den leeren Korb zu einer Kopfstütze umfunktioniert und schlummerte zwischen den Kisten. Auch Ville war mit wohlig sattem Bauch eingeschlafen. Erst das Knirschen der Bremsen weckte sie auf.

„Eeeh, wo sind wir?”, fragte Ville und rieb sich verschlafen die Augen und das steif gewordene Hinterteil.

Pierre sprang auf und erkletterte den Kistenstapel, um aus dem Heckfenster die Lage zu peilen. Nach einem kurzen Blick nach draussen wandte er sich Ville zu. „In Parrrriiiiis”, flüsterte er glücklich und schwenkte den Schwanz. „Endlich! All die Aufregungen, die Zwischenstationen und die endlose Fahrerei haben sich gelohnt! Wir sind da! In der Hauptstadt der Welt!” Pierre sprang vom Kistenstapel, riss die Hecktür auf und sog feierlich, mit geschlossenen Augen, die Pariser Luft ein. Die Schnurrbarthaare des Eichhörnchens bewegten sich sachte im nachmittäglichen Wind. „Meine Geliebte, ich komme! Jetzt beginnt das Leben, in dem Milch und Honig fliessen!”, sprach er wie ein Prediger von der Kanzel und hob die Pfoten gen Himmel.

Aus dem Estnischen von Irja Grönholm