Kairi Look „Pia Pfefferkorn zieht ein”

Leseprobe

[S. 15 – 17]

Pia und die Schaumtiere

Pia aalte sich in ihrem neuen Zuhause in der Badewanne und spielte mit dem Schaum. Sie tunkte die Nasenspitze hinein, guckte in den Spiegel und musste niesen. HATSCHI! Und schon stieg von der Nasenspitze eine schillernde Seifenblase auf, schwebte eine Weile über der Badewanne und landete schließlich auf dem Verschluss der Shampoo-Flasche. PLUP! machte die Seifenblase und zerplatzte. Und statt der Blase saß plötzlich eine winzige Giraffe auf der Flasche und winkte Pia zu.

„Guten Abend“, sagte die Giraffe und sprang auf den Wannenrand. „Du hast hoffentlich keinen Schreck bekommen. Ich bin Gero. Wollen wir Freunde sein?“

„Klar doch!“ Pia betrachtete den Giraffenjungen und hob ihn vorsichtig auf ihren Daumen. „Seid ihr noch mehr?“

„Klar doch!“, antwortete Gero und schien sich zu freuen. „Du brauchst  uns nur aus dem Schaum zu pusten! Hier in der Pappelallee waren wir noch nie.“

Das musste er Pia nicht zweimal sagen. Sie setzte die Giraffe auf den grünen Gummifrosch und schöpfte eine Handvoll Badeschaum. Der schillerte in allen Regenbogenfarben und knisterte wie unter Hochspannung.

„Kräftig musst du pusten!“ gab  Gero vom Frosch her seine Anweisungen. „Wir stecken tief im Schaum, und wir sind viele, aber ich denke, einen schaffst du bestimmt an die Luft zu befördern.“

Pia pustete. Eine Seifenblase schwebte schillernd über dem Waschbecken, um kurz darauf an seinem Rand zu zerplatzen. Und wahrhaftig – jetzt lag auf dem Waschbeckenrand ein dicker Waschbär und kratzte sich am Hinterteil.

„Suuuper!“ rief der Waschbär. „Ist das lange her, dass ich aus der Blase rausgekommen bin!“ Er sprang auf, schlitterte auf dem glatten Waschbeckenrand  zum Spiegel und angelte sich Vaters Zahnbürste aus dem Becher. „Ich bin Wolz, für meine Freunde Wolli“, erklärte er, während er sich den Rücken mit der Zahnbürste scheuerte. „Ist das herrlich, sich endlich wieder sauber zu schruppen! In der Seifenblase ist es zwar seifig, aber da schruppt einem keiner den Rücken.“

Der hilfsbereite Waschbär wusch auch Gero und Pia, er wusch sie sogar hinter und in den Ohren. Das Baden machte heute besonderen Spaß, das Wasser spritzte hoch an die Decke und voll auf den Badteppich.

Als Mutter Pia abtrocknen kam, schlug sie die Hände zusammen. „Hast du dich heute aber gründlich gewaschen!“ lobte sie das Mädchen und wickelte es in das große weiche Badetuch. „Sogar die Ohren sind sauber!“

Als Pia und Mutter das Badezimmer verließen, huschte Schnippchen hinein. Er sprang auf den Wannenrand und beäugte aus seinen Augenschlitzen aufmerksam  das abfließende Wasser. Katzen täuscht das Bauchgefühl nie. Hier war etwas geschehen.

„Sie sind aus dem Schaum gekommen“, flüsterte Pia und hängte das Badetuch über den Wäschetrockner. Schnippchen nickte. Katzen bleibt eben nichts verborgen.

 

[S. 18 – 20]

Pia passt auf Onkel Rasmus auf

Als Pia aufwachte, spürte sie ein Kribbeln im Bauch. Richtig! Die Eltern waren doch früh am Morgen nach Finnland gefahren, und deshalb sollte heute Mutters Bruder, Onkel Rasmus, kommen! Das geschah nicht alle Tage, außerdem war Rasmus nicht irgendein Onkel, sondern der beste der Welt. Deshalb passte Pia besonders gut auf ihn auf.

Rasmus wuchsen auf dem Kopf Locken, am Kinn ein Bart und auf dem Fensterbrett Tomaten und eine fleischfressende Pflanze. Er liebte Punk und Rock, Pflanzen und Tiere und studierte an der Universität Biologie. Er sagte von sich,  dass er eine Nachteule wäre, aber wie dies nun alles zusammenhing, wusste Pia nicht so genau zu sagen.

Pia schlüpfte aus dem Bett und huschte in die Küche. Onkel Rasmus war schon da – besser gesagt, seine hintere Hälfte war da, denn seine vordere Hälfte steckte im Kühlschrank.

„Guten Morgen!“, rief Pia. „Was wollen wir heute machen?“

Der Onkel schob sich im Rückwärtsgang und mit beiden Händen voller Wiener Würstchen aus dem Kühlschrank heraus. „Guten Morgen auch!“ , sagte er mit vollem Mund und umarmte Pia. Er roch mächtig nach Bouletten.

„Du hast einen Mordshunger, stimmt´s?“ meinte Pia. „Von den Bouletten sind auch noch welche im Tiefkühlschrank, Mama hat gestern eine ganze Fuhre gebraten.“

„Die sind schon draußen und tauen auf“, sagte der Onkel und nickte. „So einen vollen Kühlschrank habe ich seit Monaten nicht mehr gesehen! Bei uns im Studentenwohnheim gibt’s immer bloß Nudeln.“ Und er schluckte ein Wiener Würstchen im Ganzen herunter.

Pia runzelte die Stirn. Onkel Rasmus war wirklich dünn wie eine Fadennudel. Und wie gierig er die Wiener verschlang! Selbst Pias Vater, der schnellste Würstchenesser unter der Sonne, hätte heute gegen Rasmus verloren.

„Komm, wir spielen Gaststätte! Setz dich an den Tisch, ich bin die Kellnerin!“ Pia griff sich das Tablett und hielt es Onkel Rasmus unter die Nase. „Was wünscht der Herr zu speisen? Wir haben heute Wiener Würstchen und Bouletten im Angebot.“

Rasmus´ Augen strahlten, mit einem Satz war er am Tisch. „Oh, Guten Tag! Wiener Würstchen klingt natürlich toll, aber hatten Sie nicht auch Eierkuchen …?“ Der Onkel warf einen Blick in Richtung Herd und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

Pia hob die Eierkuchen von gestern aufs Tablett und stellte, damit der Onkel auch wirklich satt würde, noch ein Glas Marmelade dazu.

„Was für eine nette Bedienung!“ lobte Rasmus und mampfte die Eierkuchen. „Hier, Ihr Trinkgeld!“ Er steckte die Hand in die Tasche und legte Pia etwas auf die Handfläche. Es war eine Streichholzschachtel. „Darf ich vorstellen: Karl Kakerlak!“ Und er zog die Schachtel ein klein wenig auf. Aus der Streichholzschachtel kamen glänzende Knopfaugen und zarte, behaarte Fühler zum Vorschein.

Pia setzte sich Karl auf die Fingerspitze und lächelte. Spiele wie dieses mochte sie gern, aber die Hauptsache war, dass Onkel Rasmus nicht hungern und leiden durfte.

Als die Eltern am Abend zurückkamen, hatte Pia den Onkel auf dem Sofa schlafen gelegt, während Karl in seiner Streichholzschachtel träumte. Also konnten die Eltern ganz beruhigt sein und Pia auch künftig auf Rasmus aufpassen lassen.

 

[S. 39 – 42]

Der große Tag der Lieblingstiere

In den Ferienspielen rückte der Tag der Lieblingstiere näher, und Pia hatte Sorgen. Liisa wollte ihren jungen Hund mitbringen, und Mihkel hatte zwei Rennmäuse. Bei Martin zu Hause wohnte eine afrikanische Schildkröte, und Anna besaß eine wunderschöne seidige Ratte. Nur Pia hatte nichts, denn Katze Schnippchen ging ja nicht mit ihr aus dem Haus.

Traurig trottete Pia in den Garten, als sie plötzlich ein verräterisches Schnarchen hörte. Über den Rand der Hängematte hingen behaarte Beine mit großen zerschrammten Zehen.

Auf einmal geriet die Hängematte ins Schwanken und schlug um. Heraus, auf den Rasen, purzelte der verschlafene Jack, der mit zugekniffenen Augen in Pias Richtung lächelte.

„Tschau-wie-geht’s! Entschuldigung, ich schlafen.“

„Das sehe ich“, sagte Pia. „Um zwei am Tag!“

„Genau“, sagte Jack und stützte sich mit dem Rücken an einen Baum. „Was ist los? Warum du trauriges Gesicht?“

Pia seufzte. „Wir haben morgen in den Ferienspielen den Tag der Lieblingstiere, und ich habe keins, das ich mitbringen könnte. Sogar Tristan hat neue Schaben in der Küche. Er will uns welche in einer Streichholzschachtel mitbringen.“

„Hmmmm …“ Jack dachte nach. „Wie wär´s mit Nicht-sehen-Tier?“

„Was?“

„Ein unsichtbares Tier!“ rief Vater von der Treppe und trat näher. „Als ich so alt war wie du, hatte ich ganze Scharen davon. Unsichtbare Giraffen und einen Tiger, manchmal auch Bären. Und wenn ich mich nicht täusche … Jack, siehst du sie auch?“ Er studierte den Baumwipfel.

„Ich sehe“, Jack nickte, den Kopf im Nacken. „Dreißig Stück. Eulen. Gute Sorte.“

Pia schaute auch. Sie schaute sogar sehr genau hin, aber da war keine einzige Eule zu sehen. „Wo genau sind sie denn?“

„Ganz oben links“, zeigte Vater. „Eine ganze Eulenschar! Und weißt du auch, im Beet mit den Zuckererbsen sitzt doch …“

„… ein Krokodil! So schön! So grün!“ flüsterte Jack. „Sehr selten Tier.“

Pia sah Jack zweifelnd an. „In Estland gibt es keine Krokodile“, flüsterte sie.

„Doch!“ behauptete Jack. „Unsichtbares Krokodil, hier ist ganze Herde. Und hinter Stein … das ist … das ist doch … Streifentier Lemu!“

„Ein gestreifter Lemur“, verbesserte ihn Vater.

„Hört auf mich zu veralbern, ich bin kein Baby mehr!“ Pia war beleidigt. „In Estland gibt es keine Krokodile und auch keine Lemuren. Und unsichtbare Tiere gibt es überhaupt nicht!“ Sie machte kehrt, um ins Haus zu laufen, als sie ein unglückliches Schniefen hörte und sich umdrehte. Vater und Jack saßen nebeneinander unter dem Baum und starrten auf den Rasen.

Pia seufzte und trottete zurück zum Baum. „Dreißig Eulen?“ fragte sie versöhnlich. „Ehrlich, ihr habt sie gesehen?“

„Ehrlich“, sagte Vater und schniefte. „Als ganze Vogelschar! Das kommt sehr selten vor.“

„Und gute Sorte“, fügte Jack hinzu. „Große Glück! Ich habe nicht eins, zwei oder drei unsichtbare Eule. Jack hat Null Eule …“

„Deswegen musst du doch nicht gleich so traurig sein“, tröstete ihn Pia. „Du kannst ein paar von meinen haben. Dreißig ist sowieso zu viel.“

„Wow“, freute sich Jack und schaute angestrengt in den Wipfel. „Jack möchte zwei Eule: ein braun, ein schwarz.“

Pia nickte erleichtert – Hauptsache, Jack war nicht traurig. Und Vater kam ihr auch wieder fröhlich vor.

Die unsichtbaren Eulen waren in den Ferienspielen der absolute Hit. Alle wollten sie anfassen und streicheln, und Pia war überhaupt nicht neidisch auf die anderen. Eine Eule ist schließlich kein Hund, der beißt und Pfützen macht. Eine unsichtbare Eule ist etwas sehr Seltenes. Pia hatte voll ins Schwarze getroffen.

 

[S. 53 – 55]

Das Geschenk für den besten Großvater der Welt

Großvater hatte heute einen Geburtstag, der „runder Geburtstag“ hieß, und die Pfefferkorns machten sich fertig für die Fahrt aufs Land. Vor der Abreise gab es alle Hände voll zu tun. Vater suchte den ganzen Morgen seinen Kamm, der letztes Jahr verschwunden war, und Mutter schnipselte einen Riesenberg Kartoffelsalat, denn das war die Lieblingsspeise aller.

„Dein Salat ist einfach unübertroffen! “ sagte Großvater jedes Mal, wenn er seine Portion in Affengeschwindigkeit in sich hineinschaufelte. Erst als die Schüssel leer war, durfte weitergefeiert werden, und dann wurden auch andere Sachen gegessen.

Auch heute ging es als erstes Mutters Kartoffelsalat an den Kragen, dann konnte der eigentliche Geburtstag beginnen. Großvater bekam so viele Geschenke, dass er mindestens zehnmal rief: „Aber das wäre nun wirklich nicht nötig gewesen!“ Wobei seine Augen blitzten wie ein Feuerwerk, als er auspackte und dabei so manches Geschenkpapier zerriss.

Von Pirka und Rasmus bekam Großvater ein dreibändiges Fischlexikon, von Pias Eltern eine Krawattennadel und von Großmutter einen flauschigen Schlafanzug. Außerdem bekam er einen Sturzhelm, eine Angel und eine Flasche Armenischen Kognak. Großvater betrachtete alles mit glücklicher Miene und thronte mitten in seinem Geschenkpapierhaufen wie ein König. Dann war Pia an der Reihe. Sie ging auf den Flur, packte Schnippchen und trat vor Großvater hin.

„Nun, was hast du mir mitgebracht?“ fragte Großvater und schmunzelte. „Willst du mir vielleicht ein schönes Lied singen?“

„Du bist doch nicht der Weihnachtsmann!“, sagte Pia empört und setzte Großvater die Katze auf den Schoß. „Ich schenke dir Katzenstreicheln! Fünf Minuten Katzenstreicheln! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“

Großvater sah Schnippchen tief in die Augen und setzte sich die Katze auf die Schulter. „Ein wunderbares Geschenk! Das beste, das ich je bekommen habe!“

Pia schaute besorgt auf  die schwankende Katze auf Großvaters Schulter und hob sie wieder herunter. „Fang an!“, befahl sie. „Die Zeit läuft.“ Schnippchen jedoch machte einen Satz, herunter von Großvaters Knien, und blieb für den Rest des Tages spurlos verschwunden.

Als der Geburtstag zu Ende war, wurde Pia aufs Wohnzimmersofa schlafen gelegt, und für Schnippchen stand ein gepolstertes Körbchen neben der Tür.

Pia war schon am Einschlafen, als sie ein leises Quietschen hörte. Sie schmulte über die Lehne. Die Tür ging auf, und herein kam Großvater. Er schlich zum Katzenkorb und schaute sich nach allen Seiten um. Dann hob er Schnippchen vorsichtig heraus, nahm ihn auf den Arm und streichelte ihn – eine ganze Viertelstunde lang!

Pia kuschelte sich unter die Decke. Ein Glück, dass Großvater sein Geschenk nun doch noch bekommen hatte!

 

[S. 56 – 58]

Jack lernt dazu

Der Hochsommer war da, alles grünte und blühte, was das Zeug hielt. Anfang Juli waren die Erdbeeren reif, gleich darauf die Himbeeren und dann die Stachelbeeren. Heute wollte Pia nach den Zuckererbsen sehen, und dabei wäre sie Jack um ein Haar auf den Bauch getreten. Der lag nämlich im Gras, kaute auf einem Halm und guckte in die Wolken.

„Tschau-wie-geht´s!“ rief Jack. „Du – wo gehen?“

„Erbsen essen“, antwortete Pia. „Komm mit!“

„Ich – kommen.“ Jack nickte. Er stand auf, und sie stapften zum Beet, wo die reifen Schoten schon auf der Erde lagen. Pia hob eine Schote auf, drückte auf die Mittelnaht, sodass die Schote aufsprang, strich die Erbsen heraus und steckte sich die ganze Handvoll in den Mund.

„Was – machen?“ Jack bekam große Augen. „Was – du – machen?“

„Ganz einfach“, meinte Pia. „Guck, du musst hier drücken, dann geht die Schote auf.“

Jack machte es Pia nach, und die Schote sprang auf. „Oh!“ rief Jack und entnahm der Schote vorsichtig eine Erbse.

„Warum isst du sie denn einzeln?“ fragte Pia und lachte.

„Wie sonst?“ Jack runzelte die Brauen.

„Schau her!“  belehrte ihn Pia, drückte eine neue Schote auf und zog die Erbsen mit einem Streich in den Mund.

„Oh!“ machte Jack wieder und betrachtete seine Schote. „So – Erbsen essen?“

„Ja, so“, nickte Pia. „Probier es mal.“

Jack hob die offene Schote mit den Erbsen an den Mund, ließ sie aber plötzlich fallen, als hätte er sich die Finger verbrannt.

„Was ist denn?“ wunderte sich Pia.

„D-da … d-da …“ flüsterte Jack. „ …böse Tier!“

Pia bückte sich. Aus der Schote, der Erbse ganz links, sah ihr ein vorwitziger kleiner Kopf entgegen, und Pia musste lachen. „Eine Made! Die tut doch nichts! Komm, nimm dir eine neue Schote.“

Jack beäugte die neue Schote misstrauisch und öffnete sie dann vorsichtig. „Nix Made!“ rief er und grinste breit.

„Klar doch! Nicht in jeder Erbse sitzt eine Made! Die kannst du ruhig essen“, ermutigte ihn Pia.

Jack kniff die Augen zu und kaute langsam. „Das ist – green pea! Jack weiß!“ Erleichtert hockte er sich vor das Beet. „In Estland – Erbse immer so wachsen? In Erde? Mit Made?“

Und so musste Pia Jack erst einmal erklären, wie die Erbsen wuchsen. Er war erstaunt, dass sie am Strauch in Schoten wuchsen und nicht einzeln in der Erde. Aus Konservenbüchsen und aus der Erbsensuppe kannte Jack sie, aber roh sah er sie zum ersten Mal. Pia fand das komisch und erzählte es am Abend den Eltern.

„Kein Wunder, er stammt ja von weither“, meinte Vater. „Mirjam erzählte, dass Jack vorige Woche auf dem Markt erfahren hat, dass die Salzgurke auch eine ganz gewöhnliche Gurke ist. Er hat immer gedacht, es sei eine andere Sorte. Könnt ihr euch das vorstellen – er hat noch nie Einlegegurken gesehen!“

„Auf Englisch gibt es für ´Gurke´ und ´Salzgurke´ zwei verschiedene Wörter“, sagte Mutter schmunzelnd. „Wir kennen doch auch nicht alles, was es in Kanada gibt.“

„Jack kennt alle Bären der Welt!“ rief Pia. „Wir haben sie uns heute in einem Buch angeschaut. Er wusste alle Namen!“

„Siehst du“, meinte Mutter und zauste ein bisschen in Vaters Haaren herum, „jeder weiß was anderes.“

 

[S. 62 – 64]

Vater feiert Siebenschläfer

„Wisst ihr, was heute für ein Tag ist?“ fragte Vater am Morgen und gähnte.

„Natürlich wissen wir das“, erwiderte Mutter und goss Vater noch einen Kaffee ein. „Sonnabend, der 27. Juni, der erste Tag unserer Hochmoor-Wanderung. Deine Tasche ist gepackt?“

„Schon längst!“ rief Pia und biss von ihrem Butterbrot ab.

„Gepackt, gepackt …“ knurrte Vater. „Falls ihr es noch nicht wusstet – heute ist laut Bauernkalender Siebenschläfer! Anstatt zu schuften erholt man sich heute!“

„Wandern ist die beste Erholung!“, antwortete Mutter und fing an zu schwärmen: „Stellt euch vor, drei Tage in der unberührten Natur, nur  die Vögel zwitschern, die Seen sind wie Spiegel …“

„… und die Gummistiefel voller Wasser“, ergänzte Vater finster. „Essen gibt´s aus der Konserve, das Zelt ist durchgeweicht, und die Mücken fressen uns auf! Und überhaupt – die Bären! Ich habe gehört, dass es im Hochmoor seit einiger Zeit Bären geben soll.“

„In dem Moor, wo wir wandern, gibt es keinen einzigen Bären“, lachte Mutter. „Da gibt es überhaupt keine größeren Tiere, schon gar keine Bären.“

„Die Mücken haben gerade ihre Brutzeit“, raunte Vater Pia zu. „Und wenn es regnet, kriegen wir das Lagerfeuer nicht zum Brennen.“ Entschlossen stand er vom Frühstückstisch auf.

„Ich denke, wir machen am besten das, was uns der Bauernkalender sagt. Ich jedenfalls lege mich jetzt hin!“

Pia witterte Gefahr und packte Vater am Ärmel. „Unsere Lehrerin hat gesagt, dass man am Siebenschläfer das Wetter vorhersagen kann! Also – ab jetzt scheint sieben Wochen lang die Sonne!“

Vater sah mürrisch aus dem Fenster. „Vorhersagen sollte man nie trauen“, murrte er. „Die Sonne … die wird gleich verschwinden. Und unterm Zelt wird alles voller Wurzeln sein … und voller Ameisen, die beißen.“

„Hör zu, du mein Bauernkalender auf zwei Beinen“, sagte Mutter. „Leg den Faulpelz ab und pack deine Sachen. Abfahrt ist um elf, mögen die Bauern dazu sagen was sie wollen.“

Zum Nachmittag waren sie alle drei im Hochmoor. Die Sonne strahlte, die Fliegen summten, und als sie in einem der vielen Seen badeten, vergaß Vater die Bauernregeln endgültig. Er spritzte Mutter am Ufer nass und überreichte ihr, als er aus dem Wasser kam, eine Seerose. „Für die Frau meiner Träume“, sagte er, steckte ihr die Blüte ins Haar und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Wann sind die Käsebrötchen fertig?“

„Wenn du sie geschmiert hast“, lachte Mutter und machte eine Wasserbombe, so dass es Vater hoch über den Kopf spritzte.

„Gerissen wie ein Galgenstrick“, meinte der nur und sprang hinterher. Siebenschläfer als solcher fiel diesmal aus, und Ameisen gab es auch keine. Nur das Wetter war wirklich zwei ganze Wochen lang sonnig und warm.

 

[S. 75 – 76]

Pias Familie geht zur Schule

„Wann gehen wir Hefte kaufen?“ fragte Pia eines Morgens, als es nur noch wenige Tage bis September waren.

Mutter faltete das Strandlaken zusammen und verstaute es im Schrank. „Stimmt, es wird höchste Zeit. Morgen früh gucken wir in die Stadt.“

Ab September ging die ganze Familie zur Schule: Pia in die Grundschule, Mutter in die Sprachschule und Vater in die Baumschule wegen neuer junger Bäumchen. Und Baron ging in die Hundeschule. Er hatte im Sommer drei junge Apfelbäume zerlegt und brauchte laut Vater Erziehung, und zwar von den Besten ihres Fachs.

In der Schule gefiel es Pia. In der Klasse gab es eine gemütliche Spielecke, sie fand eine passende Banknachbarin, und die Lehrerin Katrin hatte unglaublich strahlende Augen. Auch dem Vater gefiel Katrin.

Nach zwei Wochen lud die Lehrerin alle Eltern zum gegenseitigen Kennenlernen ein. Mutter hatte gerade ihre Französisch-Stunden, sodass Pia mit Vater hinging.

„Ihre Kinder sind sehr weit“, meinte die Lehrerin anerkennend, und alle Väter nickten. „Sie kennen bereits die Zahlen und auch die Buchstaben. Wahrscheinlich haben Sie zu Hause kräftig geübt.“

„Aber nicht doch!“ riefen die Väter und warfen der Lehrerin strahlende Blicke zu. „Das haben sie sich selber beigebracht, sie sind einfach so begabt.“ Die Mütter sahen sich an und feixten.

„Aber lassen Sie mich auch kurz etwas zum Schulgebäude sagen“, fuhr die Lehrerin fort. „Könnten Sie mir vielleicht an ein paar Abenden helfen? Es müsste das eine und andere gestrichen und die Fenster müssten abgedichtet werden … und jemanden, der sich mit Tischlerarbeiten auskennt, könnte ich auch dringend gebrauchen.“

Bald waren die Aufgaben verteilt, nur für Pias Vater blieb nichts übrig. Am Abend saß er zufrieden vor dem Fernseher und aß seine Wiener Würstchen. „Ich hätte nichts dagegen gehabt, ein paar Fenster abzudichten“, meinte er zwischen zwei Würstchen, “aber die anderen waren schneller. Also werde ich mich anderweitig nützlich machen.“ Er klopfte sich mit dem Daumen an die Brust. „Dein kluger und mutiger Vater ist zum Beispiel der schnellste Bleianspitzer der Welt!“

„Der ganzen Welt?“ fragte Pia misstrauisch.

„Ich brauchte nicht mal groß zu trainieren“, meinte Vater schulterzuckend, „ich habe einfach das Talent dazu.“

Am nächsten Tag erzählte Pia allen, dass ihr Vater der schnellste Bleianspitzer der Welt sei. Das hörte auch die Lehrerin Katrin, und am Nachmittag kam Pia mit hundertachtundzwanzig stumpfen Buntstiften nach Hause.

Als die Lehrerin im Oktober erneut zur Elternversammlung einlud, fuhr Vater schon Anfang des Monats aufs Land. Der beste Bleianspitzer der Welt hatte da schrecklich viel zu tun, und in die Schule zu kommen, war ihm diesmal leider absolut nicht möglich.

„Dann gehen wir beide“, meinte Mutter und strich Pia über den Kopf. „Ich habe nichts dagegen, ein paar Fenster abzudichten.“

Diesmal lief der Elternabend ganz anders. Es stellte sich heraus, dass auch alle anderen Väter aufs Land gefahren waren. So waren die Mütter unter sich und hatten Gesprächsstoff für den ganzen Abend. Als sie nach Hause kamen, erstellten sie gleich eine Mailinglist, und von da an waren sie richtig gut miteinander befreundet.

Aus dem Estnischen von Irja Grönholm